484 484 FUDUTOURS International 02.02.23 09:58:52

30.06.2016 Balzan FC – Neftçi Peşəkar FK 0:2 (0:1) / Hibernians Stadium (Il-Ground tal-Hibs) / 357 Zs.

Wetter nervt. Arbeit nervt. Sommerpause nervt. Kackeland nervt. Ende Juni ist es wieder einmal soweit und der Vierklang der schlechten Laune ertönt. Gut vorbereitet wie eh und je reagiert Fetti umgehend und entscheidet, einfach vor dem Sommerurlaub einen Sommerurlaub einzulegen. Gute Lösung!

Nun sitze ich, soeben aus Oldenburg zurückgekommen, in einem Internetcafé (gibt es tatsächlich immer noch) am Gesundbrunnen und scheitere bei dem Versuch, mir meine Boardkarte für den morgigen Flug nach Malta auszudrucken. Der Verkäufer ist mit der Qualität des Drucks zufrieden und kann meine Einwände nicht gänzlich nachvollziehen. Ich bin jedoch felsenfest davon überzeugt, dass mir eine Boardkarte ohne Barcode nicht weiterhelfen wird und bitte nach dem zweiten gescheiterten Ausdruck um Unterstützung im Kampf gegen die Technik. Ich spüre einen gewissen Widerwillen und habe das Gefühl, in den Augen meines Gegenüber einen Hass auf zugezogene Intellektuelle (mit Mützen) zu erkennen, sorge aber mit nun deutlich hörbarem Berlinerisch für Deeskalation. Ick bin doch eener von Euch! Nach Blick auf meinen Monitor erkennt er mein Problem offiziell an. „Ach, DER Barcode. Joa. Haste schon mal probiert, insert Fachchinesisch here?“ Klick, klick, klick, herunterladen, installieren, Einstellungen, drucken. Funktioniert. Mit 45 Minuten weniger Lebenszeit auf der Uhr und mit 3,30 € weniger im Portemonnaie (drei Seiten, drei Interneteinheiten, ein Bier) verlasse ich den Laden. Na, das war ja einfach.

Am 26.06. lande ich dann tiefenentspannt um 13.00 Uhr (deutscher Zusatz: pünktlich!) auf der Sonneninsel und lasse mir zur Begrüßung ein „Cisk“ aus der Dose munden. Ich erinnere mich an den letzten Malta-Urlaub und den vom Wirtschaftsflüchtling ins Leben gerufenen Werbeslogan: „No Cisk, no Fun!“ und denke: endlich wieder landestypische Spezialitäten!

Die Tage auf Malta vor und nach dem Spiel verbringen Günter, meine Wenigkeit und zwei weitere Berlin-Flüchtlinge mit Sightseeing:
– Wir schlendern durch die anlässlich des Peter-und-Paul-Feiertags festlich geschmückten Straßen Sliemas (looks like Chinatown – und auch die eigens aufgestellten Statuen sind nicht massiv, sondern eher aus chinesischer Produktion). Mit der Fähre setzen wir nach Valletta über und erkunden die Hauptstadt der Insel.
– Wir besichtigen Mdina und werden dort Zeugen eines Pferderennens in der prallen Mittagssonne, trinken zu schnell zu viel Bier und müssen letztlich leider auch aufgrund dieser Völlerei unsere Zelte an der Strecke abbrechen, noch bevor die Esel als Highlight des Tages auf die Strecke gelassen werden.
– Wir entscheiden uns dagegen, uns gegenseitig die Cliffs von Dingli hinunter zu schubsen und genießen stattdessen den Ausblick auf das Mittelmeer aus 250 Metern Höhe.
– Wir finden Gefallen an traditionellem British Breakfast mit Meerblick bei „Peppi’s“. Der Laden, in dem sich Günter unlängst den Spitznamen „White Sugar“ verdient hat. Und wir verbringen unheimlich viel Zeit mit Faulenzen am Strand. Sommerurlaub eben.

Am Vorabend des 30.06. entschließt sich die Reisegruppe dann in ungeahnte kulinarische Sphären vorzudringen. Nach vier Tagen Wurst & Bohnen, Pizza und Pastis darf es nun gerne etwas mondäner zugehen und wir kehren in ein maltesisches Spezialitätenrestaurant ein. Ein schönes Gläschen Wasser, dazu Kaninchen in Rotweinsoße mit mediterranem Gemüse. Erstmals lebt Fetti in diesem Urlaub in Saus und Schmaus und investiert in dieses Abendessen bereitwillig einen Betrag, für den man in Berlin ganze Gastronomiebetriebe käuflich erwerben könnte.
Egal, dieses Essen ist jeden Taler wert und eine echte Wohltat, angesichts dessen, was Fettis Magen während vergangener Ausflüge nicht schon alles hatte ertragen und aushalten müssen: abgelaufene Tesco-Lebensmittel in Schottland, frittierte Lebewesen in England, Frikandeln in den Niederlanden. Alles kein Problem. Doch Fetti wäre nicht Fetti, wenn sein Schweinemagen dieses feine maltesische Essen nun nicht abstoßen würde. So wandern die 25 €uro einige Stunden später röhrend zurück in die laue Sommernacht. Schuster, bleib bei deinen Leisten…

Am 30.06. ist es dann endlich so weit. Es gibt Balzan für die Hopperseele! Im Rahmen der Qualifikation zur kommenden Europa-League-Saison rollt in Malta bereits wieder der Ball. Der Balzan Football Club trifft heute in der allerersten Runde auf den Neftçi Peşəkar FK aus Baku. Noch etwas lädiert vom nächtlichen Stelldichein mit Hitlers Kaninchen nimmt mich Günter in Empfang. Er kommt direkt von der Schicht und hat seiner Aussage nach „wieder ordentlich wat wegjeschafft!“. Gemeinsam machen wir uns angesichts der etwas unbefriedigenden Verbindung des öffentlichen Nahverkehrs auf den immerhin 9,5 Kilometer langen Fußweg.

Noch etwas weiter ist die Anreise für die Gäste aus Aserbaidschan. 4.200 Kilometer sind bis nach Paola zurückzulegen. Wir sind erschüttert, als wir am Stadion einen Bus mit Flagge Aserbaidschans und Neftçi-Logo erspähen – die sind noch nicht etwa? – sind dann aber aufgrund des maltesischen Kennzeichens recht bald beruhigt. Irgendein Flugzeug wird es von Baku schon bis nach Mitteleuropa geschafft haben, wo es sicherlich diverse Anschlussflüge nach Malta gegeben haben sollte. Dennoch dürfte so manch eine Auswärtsreise in der Europa League ein echtes Abenteuer darstellen…

Für gerade einmal 3 € passieren wir (und tatsächlich einige wenige Schlachtenbummler aus Baku!) die Stadiontore der eigentlichen Spielstätte der Hibernians. Diese ist nur an einer Seite mit einer Sitzplatztribüne ausgebaut und soll angeblich 8000 Menschen Platz bieten. Interessant ist der Kabinentrakt, welchen die Akteure beider Mannschaften nur über eine schmale Treppe hinter dem Tor erreichen können. Die unbebaute Gegengerade bietet freien Blick auf die Stadt und diverse Bau- und Förderkräne des nahe gelegenen Hafens von Paola. Leider nicht mehr in Betrieb ist die alte Anzeigetafel, die sicherlich das Zeug dazu gehabt hätte, als Besonderheit dieses Stadions in Erinnerung zu bleiben.

Die Hausherren starten nervös in das dritte Europapokalspiel ihrer Vereinsgeschichte. Waren sie im letzten Versuch noch am bosnischen Vertreter aus Željezničar gescheitert, droht dieses Mal das schnelle Aus gegen Baku. Bereits nach 14 Minuten haben die wesentlich gefestigter wirkenden Gäste zum 1:0 vorgelegt. Der direkt getretene Freistoß von Hajiyev landet unhaltbar im Dreiangel. Balzans Torwart Janjusevic ist machtlos und zerstört zu allem Überfluss bei seiner Rettungsaktion auch noch das Tornetz, welches er nun eigenhändig reparieren und wieder an den Pfosten knüpfen muss.

In der Halbzeitpause bringt FUDU in Erfahrung, dass auch der Balzan FC international kein Bier verkaufen darf. Eine Stadiongastronomie gibt es leider auch nicht, lediglich einige Snacks in Tüten stehen auf der Speisekarte. Fettis Schweinemagen, der sich langsam aber sicher wieder gerade gerückt hat, wird in Folge mit räudigen Käse-Erdnussflips auf eine harte Probe gestellt. Elefantenpopel? Kann er ab!

Die zweite Spielhälfte nutzt der Balzan FC eindrucksvoll, um unter Beweis zu stellen, dass er in der Lage ist, Fußball zu spielen. Langsam aber sicher nehmen die rot-weißen das Heft des Handelns in die Hand, gewinnen an Sicherheit, werden selbstbewusster und drücken auf den Ausgleich. Währenddessen machen es sich Vater und Sohn, letzterer in Wismut-Aue-Trikot, vor uns gemütlich. Der Sohn offenbart innerhalb weniger Sekunden sonderpädagogischen Förderbedarf, albert herum und hampelt wie ein Eichhörnchen auf Speed über die Sitzschalen, vergreift sich ungestraft an den Trommeln und den Fahnen der wenigen Fanclubs des Balzan FC. Vati schüttelt nur den Kopf und ärgert sich vermutlich darüber, dass er hier und heute kein Bier käuflich erwerben kann. Naja, wenigstens sitzt die Mutti im Hotel…

In der 80. Minute haben die Spieler von Balzan den Spielstand um ein Haar egalisiert, doch ein Defensivspieler aus Baku kann den Ball von Kaljevic noch gerade eben von der Linie kratzen. Und so kommt es, wie es kommen muss: In der 84. Minute führt ein schneller Konter der Gäste zu etwas Unruhe und Durcheinander in der Verteidigungsreihe der Malteser, es folgt: ein schneller Haken in den Strafraum, ein Pass, ein Tritt, ein Pfiff, Elfmeter. Die internationale Unerfahrenheit gebündelt in einer einzigen Szene wird am Ende mit dem 0:2 durch Qurbanov bestraft.

Baku hat nun 4.200 Kilometer vor der Brust, wir 9,5. Im Afrikaner-Kiez decken wir uns im Späti mit Wegbier ein. In Hamrum machen wir Station, um die erste Halbzeit des EM-Spiels zwischen Portugal und Polen auf der Straße sitzend zu verfolgen. Als das Wegbier geleert ist, kehren wir in die Pizzeria ein, zu der der Fernseher gehört, auf den wir 45 Minuten lang schmarotzt hatten. Die georderte Pizza ist dermaßen groß und üppig belegt, dass wir entspannt drei weitere Halbzeiten und ein Elfmeterschießen sitzen bleiben können, dazu „Cisk“. Am Ende scheiden die Polen leider unglücklich nach Elfmeterschießen aus. Aber Fetti schleicht glücklich nach Hause. Endlich wieder Bier und Pizza, nie wieder Anspruch beim Essen, nie wieder Kackeland! /hvg