130 130 FUDUTOURS International 05.12.22 13:29:40

09.08.2016 FK Palanga – FC Hegelmann Litauen 4:0 (3:0) / Centrinis miesto stadionas / 73 Zs.

1/3.

Prolog: Fettis heitere Litauen-Trilogie beginnt mit einem Auswärtsspiel des 1.FC Union Berlin. Um sämtliche szenekundige Beamte, den BND und die Illuminaten zu verwirren, wählt er auch dieses mal eine Reiseroute, die es nur schwer möglich macht, sich längerfristig an seine Fersen zu heften. So führt der Weg an den Strand von Palanga aus Berlin über Bochum, Eindhoven, Vilnius und Klaipéda.

Am Nachmittag des 06.08. hat der 1.FC Union Berlin seinen Saisonauftakt im Ruhrgebiet verloren.

Am Abend des 06.08. sitze ich in der Fußgängerzone von Eindhoven und genieße niederländisches Pils in charmanter Begleitung.

Am Morgen des 07.08. stelle ich nach kurzer Schockstarre fest, dass es vor 8.00 Uhr noch keinen öffentlichen Nahverkehr in Richtung des Flughafens von Eindhoven gibt. So komme ich in den zweifelhaften Genuss, mir ein Taxi zu ordern. Ein Umstand, der die Idee des 9,99 € Billigfluges mit WizzAir von Eindhoven nach Vilnius bereits jetzt ad absurdum führt. Kalter Schweiß rinnt mir angesichts des galoppierenden Taxameters über den Körper, wohlweislich, dass mir mein rumänischer Kassenwart für die kommende Woche in Litauen gerade einmal 150 € Taschengeld in einen Briefumschlag gelegt hat. Am Ende der 15-minütigen Fahrt stoppt das ratternde Display bei läppischen 48,90 €. Ich gebe glatte 50 und meinem daheimgebliebenen Kassenwart kommen die Tränen.

Zur Mittagszeit verlasse ich gemeinsam mit einem dunkelhäutigen Fluggast mit Žalgiris-Vilnius-Rucksack (#5) die lila Maschine und mache mich mit dem Linienbus auf in Richtung Innenstadt.

Wenige Stunden später landet der Wirtschaftsflüchtling aus Düsseldorf kommend in Vilnius. Ich habe ihm per SMS bereits sämtliche Informationen zukommen lassen, die ich mir wenige Stunden zuvor hart mit Hand-und-Fuß-Kommunikation zusammengeklaubt hatte. Welche Buslinie fährt in die Stadt, wie teuer ist das Ticket, wo liegt unser Hotel (besser: unser neues Hotel. Schließlich war die Rezeptionistin unserer Billigabsteige nicht über die Buchung informiert, alle Zimmer belegt und FUDU so in den Genuss gekommen, ohne Aufpreis in eine vier-Sterne-Bettenburg umgebucht zu werden) und wie lange dauert die Fahrt dorthin? Mit der Information, er müsse an der Station STOTIS aussteigen, schließe ich die gut gemeinte rundum-sorglos-SMS ab. Wenig später erfolgt die Rückmeldung des Flüchtlings, dass er gut gelandet sei und er sich nun die Frage stelle, bis wohin er denn fahren müsse. „Bis STOTIS, was auf litauisch Bahnhof bedeutet!“, antworte ich. Kurz darauf erfolgt eine erboste Rückmeldung. „Ich will nicht wissen, was auf litauisch Bahnhof bedeutet, sondern wo ich aussteigen muss, du Spinner!“.

Vielleicht verbringe ich einfach gerne Zeit mit Menschen, die manchmal nicht einmal Bahnhof verstehen. Nur wenige Nachrichten später hat jedenfalls auch der Wirtschaftsflüchtling verstanden, dass unser Hotel in der Nähe des Hauptbahnhofs von Vilnius liegt und er eben deshalb den Bus an der Station STOTIS verlassen muss. In der Zwischenzeit bewundere ich erste leicht bekleidete litauische Schönheiten und mache mir nur latente Sorgen, dass die Damen hier nicht einmal genügend anzuziehen haben.

Nach einer kurzen Sightseeingrunde durch die Innenstadt lassen wir den ersten Abend in unserem Hotelzimmer ausklingen. Dieses wartet mit einem unschlagbaren schwarz-weiß (!) Minifernseher auf und hat heute dank des olympischen Fußballturniers das Schmankerl Schweden gegen Nigeria im Angebot. Da gilt es in Anlehnung an Marcel Reifs legendärem Ausspruch bei einem Länderspiel zwischen Deutschland und Ghana nur zu sagen: „Die Schweden erkennen sie an den gelben Trikots!“

Am 08.08. starten die beiden Übergangsbalten mit einem Frühstück in Anwesenheit der wohl schönsten Frau Litauens in die Mission, zu eruieren, welche Verbindungen von Vilnius nach Palanga führen. Schnell werden die ersten gefundenen Buslinien direkt ab Vilnius wieder ad acta gelegt und eine Zug-Bus-Kombination via Klaipéda als Reiseroute des Herzens auserkoren. Hinter dem Bahnschalter wartet bereits eine Frau mittleren Alters mit eingefrorener postsozialistischer Eisblockmimik auf die Bestellung. Mit einem freundlich-beschwingten „Hello, two Tickets to Klaipéda, please!“ versucht FUDU Zielstrebigkeit an den Tag zu legen. „NO!“, schallt es zurück. Etwas irritiert ob der knappen und schroffen Antwort hakt FUDU verschüchtert nach. „Ääh, but… why? There is a train going at 11.14?!?“, woraufhin sie keine Miene verzieht und uns abermals ein „NO!“ entgegen schmettert. Jetzt nur nicht aufgeben und dran bleiben, denken wir uns, ehe wir ein „But where can we buy tickets then?“ anschließen. „NO!“, antwortet sie erneut, dieses Mal noch lauter und eindringlicher. Freundlicherweise mischt sich nun eine junge Litauerin ein, die die Verhandlung stellvertretend für uns in der Landessprache übernimmt und uns dann informiert, dass der Zug ausverkauft sei und die nächste Verbindung drei Stunden später folgen würde. Wir bedanken uns, während die NO!-Frau hinter dem Tresen nickt und schaut, als würde sie denken: „Und dit war jetzt so schwer? Hab ick doch allet drei Mal jesagt!“.

Wir entscheiden – analog zu der Empfehlung der jungen Frau – uns zum Gleis zu begeben und ohne Ticket in den Zug zu steigen. Die erste Enttäuschung ist nicht zu leugnen, als der hochmoderne Zug in den Bahnhof fährt, hatten wir Nostalgiker doch auf eine alte Rumpelbahn gehofft. Während die beiden Zugbegleiterinnen sämtliche Fahrgäste mit Fahrkarten zu ihren Plätzen geleiten, nehmen wir einen Stehplatz zwischen den beiden Waggons ein. Wenige Minuten vor Abfahrt kommt eine der beiden Damen auf uns zu, fragt nach unseren Billets und kann dann angesichts des Nichtvorhandenseins offenbar nicht mehr tun, als den Kopf zu schütteln und ein trockenes: „That’s not possible!“ hinzuzufügen. Während sie die letzten heran eilenden Fahrgäste auf ihre Plätze begleitet, setzt sich der Zug in Bewegung und wir stehen noch immer zwischen den Abteilen. Scheint also doch möglich zu sein, denken wir uns und freuen uns bereits jetzt auf die Konsequenzen, die Ludmilla und Olga nun für uns in petto haben werden. Gerade geht die Phantasie des Wirtschaftsflüchtlings mit ihm durch, ehe er jäh aus allen Träumen gerissen wird und wir plötzlich völlig problemlos mit einigen wenigen Euro in Bar zwei Fahrscheine und noch zwei Flaschen Wasser gratis dazu erhalten. So viel Vorgeplänkel für 55 Minuten Bahnfahrt? Lange Prologe nerven (jaja, Fußball kommt ja gleich…)!

In Palanga beziehen wir Quartier in einem Haus mit rotem Türmchen. Das Zimmer wird privat vermietet und so kommen wir in den Genuss, mit der Mutti des Hauses in Kontakt zu treten, der die Freude über ein schwules Pärchen in ihrer Pension deutlich ins Gesicht geschrieben steht. Ein wenig später hält uns eine britische Touristin für einheimische Auskenner und fragt uns nach dem Weg zu ihrem Ferienhaus. Wir beantworten all ihre Fragen pflichtgemäß und verpassen somit leider die Gelegenheit, sie auflaufen zu lassen und haben erst im Nachgang der Situation Spaß damit, „Eurotrip“ zu zitieren. „There is a house. They are bulding it – right now!“. „We just got Miami Vice on television. Number one new Show! HAMMERTIME!“. Das wären die richtigen Antworten gewesen. Schade.

Am Abend stellen wir dann schnell fest, dass wir aus Versehen „baltisch Malle“ gebucht haben. Die Promenade, die das Stadtzentrum mit dem Strand verbindet, kommt jedenfalls einer Amüsiermeile gleich. Kneipe gesellt sich an Kneipe, Restaurant an Restaurant, Nachtclub an Nachtclub. Überall wird getanzt, geraucht, gefeiert, gelacht, gelärmt. Gesäumt wird das Ambiente in erster Linie von hunderten Russen und jugendlichen Einheimischen, die zu elektronischer Plastikmusik alkoholische Getränke in sich hineinschütten. Wir nehmen zunächst Platz an einem Springbrunnen, um das ganze Spektakel mit etwas Abstand zu beobachten. Der Wirtschaftsflüchtling raucht in Ruhe eine seiner liebgewonnenen litauischen Glimmstängel, als eine Rikscha, besetzt mit zwei aufgetakelten Russenmuttis und den dazugehörigen elitären Blagen, auf uns zufährt. Die Damen, sichtlich betrunken und möglicherweise anderweitig narkotisiert, fragen den Flüchtling nach einem Joint und sind dann etwas enttäuscht, als dieser darauf hinweist, dass es sich lediglich um Vanillezigaretten handelt. Doch auch diese nehmen die beiden Vorzeigemillionärsgattinnen dankend entgegen und fahren davon. Hinten lächeln die beiden Kinder mit einem Urvertrauen, wie es nur russische Kinder ihren betrunkenen Eltern entgegenbringen können. Wir schlagen noch kurz die Hände über den Köpfen zusammen, als die beiden Muttis die Rikscha schnurstracks Richtung treppab steuern, während die Kinder auf dem Rücksitz stoisch weiter lächeln und die Fahrerinnen tatsächlich im letzten Moment die Kurve kriegen. Urvertrauen. Sag ich ja.

Danach stürzen wir uns richtig ins Getümmel. Mitten in der Nacht ist ganz Palanga auf den Beinen, um mit der litauischen Basketballnationalmannschaft im Kampf um eine olympische Medaille in Rio de Janeiro mitzufiebern. In jeder Bar jubeln Public-Viewing-Trauben ihren grün-gelb-roten Helden zu. Wir betreten eine dieser Bars, schauen das Spiel gegen Nigeria aber eher nebenbei und legen unser Hauptaugenmerk auf ein Kickerduell gegen zwei Esten, die FUDU mehrmals vernichtend schlagen kann. Dann gibt irgendwann der Kickertisch seinen Geist auf, schluckt unsere Münzen, ohne Bälle auszuwerfen und wir fragen die attraktive Kellnerin um Hilfe. Doch diese hat aktuell keine Zeit für ihre Gäste, da auch sie dem Basketballfieber verfallen ist. „Stop playing and watch the fucking game!“ ist eine Ansage, die wir erfrischend ehrlich finden und akzeptieren. Im Anschluss saufen wir, dass sich die Balten biegen.

Am 09.08. schlendern wir nach dem Aufstehen leicht verkatert (→ noch einen im roten Turm haben) zum Strand, der sich in gerade einmal 150 Metern Entfernung zu unserer Pension befindet. Wer Strandurlaub in Litauen plant, der muss auch Strandurlaub in Litauen machen – auch wenn Luft und Wasser heute lediglich 19 Grad Celsius warm sind. Diese Information entnehmen wir einer Schautafel, auf der auch zu lesen steht, dass um 12.00 Uhr ein Wal erwartet wird. Wir trinken uns in der Strandbar etwas Mut an („ein Bier vorm Pier!“), beobachten Land und Leute und lassen dann vor lauter Freude beinahe unser Švyturys fallen, als tatsächlich um Punkt 12.00 Uhr eine dicke Frau aus der Ostsee zurück an den Strand gespült wird. Danke für das Drehbuch, Palanga! Im Anschluss stürzen wir uns selbst todesmutig in die Fluten.

Nach einer kurzen Phase des Aufwärmens im Hotel stärken wir uns in einem Café, in dem es frisch gepressten Orangensaft, leckere Pfannkuchen und eine furchtbare russische Familie, die so ziemlich alle Klischees erfüllt, die man über reisende Russen haben kann, gibt. Aus den Fenstern beobachten wir ausrangierte BVG-Busse, die sich in Palangas öffentlichem Nahverkehr ihr Gnadenbrot verdienen müssen.

Am Nachmittag des 09.08. ist es dann endlich soweit und wir stehen unmittelbar vor dem Erreichen des Länderpunkts Litauen. Heute erwartet der FK Palanga, aktuell Tabellenzweiter der 1. Lyga (zweithöchste Spielklasse), den um acht Ränge schlechter platzierten FC Hegelmann Litauen aus Kaunas zum Stelldichein. Der etwas sonderbare Name der Gäste kommt – ebenso wie die unsympathische deutsche Flagge im Vereinslogo – durch ein Sponsoring-Engagement eines deutschen Logistikunternehmens zu Stande, welches den Club 2009 ins Leben rief. „Dank“ der modernen Technik unserer Smartphones (wirklich „praktisch“, wenn die Anstoßzeit automatisch auf die mitteleuropäische Zeitzone umgerechnet wird…) stehen der Wirtschaftsflüchtling und ich weit über eine Stunde vor dem Anpfiff vor der Spielstätte, welche 2000 Besucher fasst. Es gelingt, erste kurze Blicke auf die moderne Haupttribüne, die kleine Gegengerade, die angrenzenden Wohnhäuser und die Leichtathletikanlagen in den Kurvenbereichen zu werfen.

Eine Stunde später passieren wir für 1,50 € die Stadiontore und machen es uns mit ca. 70 weiteren Stadionbesuchern auf der Haupttribüne bequem. Das Spiel beginnt und läuft ausschließlich in eine Richtung. Die „Beachboys“ aus Palanga streben mit aller Macht in die erste Liga und dominieren die Gäste aus Kaunas nach Belieben. Bereits nach zwei Minuten können die Spieler des FK Palanga mit einem langen Ball die Abwehrreihe der Hegelmänner übertölpeln. Der Stürmer bleibt im Eins gegen Eins Duell mit dem Torhüter kalt wie eine Hundeschnauze und stellt die Weichen früh auf Sieg, um im Anschluss auf die Tribüne zu sprinten und seiner Frau einen Kuss zu geben.

Das 2:0 fällt nach 33 Minuten durch einen berechtigten Strafstoß, das 3:0 folgt nur fünf Minuten später nach einer schönen und direkten Kombination. Spätestens jetzt sind hier alle Messen gelesen und FUDU erfreut sich eher über die kleinen Nebensächlichkeiten. Einen wirklich schönen Moment erleben wir, als ein Ball weit über das Tor geschossen wird und im Nachbargrundstück landet. Zwei Zuschauer verlassen daraufhin die Tribüne, flanieren bei laufendem Spiel entspannt durch den Innenraum, spazieren über die Tartanbahn, klettern über den Zaun und holen den Ball unter Applaus der restlichen Zuschauer aus Nachbars Garten zurück. Zweite Liga in Litauen!

Das letzte (und schönste) Tor gibt es nach gut einer Stunde zu goutieren. Der FK Palanga kann das Ergebnis per sehenswertem Fernschuss, der erst den Pfosten und dann die Maschen küsst, auf 4:0 in die Höhe schrauben. Dann wird das Spiel abgepfiffen und FUDU schlendert zurück ins rote Türmchen. Morgen geht es via Klaipéda zurück nach Vilnius. Soll sich ja keiner an unsere Fersen heften können. /hvg