352 352 FUDUTOURS International 05.12.22 12:30:05

11.08.2016 FK Žalgiris Vilnius – FK Kaunas Žalgiris 3:1 (2:0) / LFF stadionas / 500 Zs.

2/3.

„I come from Palanga (oh yeah), where beer does flow and men chunder!“ summen der Wirtschaftsflüchtling und ich vor uns her, als wir am 10.08. mit dem Reisebus in Klaipéda einrollen. Bevor nachmittags der Zug zur Weiterfahrt nach Vilnius bereit stehen wird, wartet erst einmal die litauische Hafenstadt darauf, von uns erkundet zu werden. Dem einen oder anderen älteren Leser mag womöglich das Herz aufgehen, wenn darauf hingewiesen wird, dass Klaipéda (deutscher Name: Memel) bis 1920 die nördlichste Stadt des deutschen Kaiserreichs gewesen ist. Opa hört doch so gerne Marsch!

Nun brechen wir unser Sightseeing bereits nach wenigen Augenblicken ab, da die erste auf dem Weg gelegene Kneipe ein bislang unbekanntes Bier offeriert. Kalnapilis mundet der Reisegruppe, kommt aber trotzdem nicht um den ab nun gültigen Spitznamen „Kanalbier“ drumherum. Der Wirt fragt, woher wir stammen und warum zur Hölle wir Halt in Klaipéda machen. Wir lassen im Folgenden unsere Blicke über verfallene Bauten und maritimen Stadtschmuck wandern. Unser Hauptaugenmerk legen wir auf den „Arka“ – ein Kunstwerk, welches anlässlich des 80. Jahrestages der Vereinigung Litauens mit dem Memelgebiet errichtet wurde. Bekanntester Sohn der Stadt ist Simon Dach, an dessen Schaffen im Stadtzentrum ein Brunnen erinnert, in dem ich gerne jeden einzelnen betrunkenen Touristen aus all den Hostels meiner Nachbarschaft eigenhändig ersaufen wollen würde. Dann ist auch bereits die ganze Stadt erkundet und die Frage des Wirts ergibt im Nachgang plötzlich einen Sinn.

Am frühen Abend erreichen wir Vilnius und checken in unserer neuen Herberge am alten Kino ein. Da sich für morgen auch noch Günter aus Malta zum feucht-fröhlichen Stelldichein angekündigt hat, fällt die Wahl auf ein großzügig geschnittenes Apartment im Herzen der Stadt. Nun steht ein dicklicher Junge am Straßenrand bereit, um uns die Wohnung in einem unsanierten Altbau zu zeigen. Wir laufen in einem Treppenhaus mit unverputzten Wänden, offen liegenden Stromleitungen und unverkleidet herabhängenden Glühbirnen ein Stockwerk hinauf. Der Gastgeber öffnet die Tür und wir trauen unseren Augen kaum, sind wir doch soeben in einen Katalog voller Designermöbel und -lampen geschubst worden. Leider stellt sich nach Verabschiedung des Schlüsselboten, der von uns mittlerweile auf den Namen Jupp getauft wurde, heraus, dass die Wohnung ihre Stärken ausschließlich im optischen Bereich vorzuweisen hat. Von Funktionalität kann jedenfalls keine Rede sein, da der Wirtschaftsflüchtling mit durchnässter Hose aus dem Bad zurückkehrt, weil er den Wasserhahn aufgedreht und festgestellt hatte, dass das schicke Designwaschbecken schlicht und ergreifend ein wenig zu kurz für den Wasserstrahl geraten ist. „Der Jupp is ’ne Trottel!“, sagt er und sorgt somit dafür, dass wir für den Rest der Reise permanent in breitem Kölsch in Albernheiten verfallen. Watt sull dä Quatsch?

Weitere Schwachpunkte der Luxusbude sind schnell ausgemacht. Es gibt keinen Spiegel in der gesamten Wohnung. Es gibt keine Griffe in der Hochglanzküche, sodass man nicht weiß, ob es sich um Schranktüren oder um Fassade handelt und man nun wie der letzte Vollidiot gegen die polierten Oberflächen patscht und krampfhaft versucht, die Elemente zu finden, die sich öffnen lassen. Auch die Armaturen an der Dusche sind vollkommen unverständlich. Warum auch sollte man einen Hebel für kaltes und einen für warmes Wasser an die Wand schrauben, wenn es nicht auch etwas schicker geht? So steht man jedenfalls wie der erste Mensch unter dem Wasserstrahl und kämpft verzweifelt um eine angemessene Wassertemperatur und dreht erfolglos alle verfügbaren Knöpfe in alle denkbaren Richtungen. Doch all das gerät schnell in Vergessenheit, als FUDU einen Blick auf den bereitliegenden Katalog wirft, in dem man die hier ausgestellten Möbel und Lampen und Accessoires bestellen und käuflich erwerben kann: Es gibt einen Schweinetisch. Fetti ist entzückt!

In den nächsten Tagen werden die Schweinemägen FUDUs mit viel Bier und diversen lukullischen Spezialitäten verwöhnt werden. In Erinnerung wird das mit Hähnchen gefüllte Schweinefilet bleiben und die deftig-fettigen „Old Town Fingers“ (frittierte Käsestangen mit jeder Menge Knoblauch und Kümmel). Ebenfalls unser Herz erobern wird der Kellner der „CANCAN“-Pizzabude gegenüber unseres Apartments, der uns „morgens“ stets mit der Frage: „Coffee or Beer?“ in Empfang nehmen wird.

Die Stadtbummel führen uns u.a. in die Tavernen der Altstadt, zum Präsidentenpalast, zum Parlament (mit den Barrikaden, die an den „Blutsonntag“ von 1991 erinnern) zur Oberen Burg samt Gediminas-Turm und zum Rathaus. Ein Trump-Putin-Streetart-Kunstwerk an einer Hipster-Imbissbude mit Craftbeerblödsinn erfreut uns und wird uns im weiteren Verlauf der Reise verfolgen, da dieses übermalt werden und es bis in die Abendnachrichten schaffen wird. Bei dem Versuch, die Kathedrale Sankt Stanislaus in ihrer vollen Pracht aus der Hocke heraus zu fotografieren, stellt sich ein egozentrisches Pärchen mit Hündchen an der Leine direkt vor den Fotografen. „Sie wundern sich vielleicht, warum ich hier hinter ihrem Tier hocke, aber ich fotografiere einfach unheimlich gerne Hundearschlöcher!“, lässt es sich dieser auch nicht nehmen, die etwas sonderbare Szene zu kommentieren. Leider haben aber mangels Deutschkenntnisse der Turteltäubchen nicht alle Teilhabenden dieses Schauspiels gleichermaßen viel Spaß mit dem getätigten Ausspruch.

Am Spieltag befindet sich die Reisegruppe eigentlich rechtzeitig genug in der Nähe des LFF-Stadions, doch die Suche nach dem Zugang zu diesem und nach potentiellen Kassenhäuschen lässt das Zeitpolster schmelzen. Kurz vor Anpfiff befindet sich FUDU orientierungslos auf einem Krankenhausgelände und landet immer wieder vor verschlossenen Pforten. Die Haupttribüne ist zum Greifen nah – und doch so weit entfernt. Der Weg über die Hauptstraße führt letztlich gerade noch auf die Minute pünktlich zu einem dunkelblauen Opel, aus dem heraus ein Typ mit Laptop und portablem Drucker Eintrittskarten für das heutige Spiel verkauft.

Mit dem Anpfiff nehmen wir unsere Plätze im „RB“-Block ein, den wir aus reiner Dankbarkeit darüber wählen, dass endlich wieder einmal ein Team aus dem Fußballosten in deutschlands höchster Spielklasse mitmischen darf. Wir lassen uns knusprige Knoblauch-Brotsticks und unser Stadionbier munden, während der Ball über den Kunstrasen des kleinen Stadions rollt. Das Interesse der Öffentlichkeit hält sich auch heute stark in Grenzen, sodass am Ende gerade einmal 500 Zuschauer die Stadiontore passieren werden. Bis vor kurzem hatte Žalgiris Vilnius noch im wesentlich attraktiveren Žalgiris-Stadion mit über 15.000 Plätzen gespielt, welches nun aber leider nach und nach abgerissen wird und von uns im Zuge der Stadtbummel der letzten Tage nur noch rudimentär erhalten besichtigt werden konnte. Auch dieses Stadion hätte wohl nicht wesentlich mehr Litauer hinter dem Ofen hervor gelockt, da sich diese nach wie vor im olympischen Basketballfieber befinden und dem Fußballsport nicht sonderlich zugewandt sind.

Dabei stehen sich heute immerhin die namhaftesten Clubs des litauischen Fußballs gegenüber, die sich beide nach der Schlacht bei Tannenberg im Jahre 1410 benannt haben und einige Erfolge im litauischen Vereinsfußball vorzuweisen haben. Im Jahre 2016 könnten sie tabellarisch jedoch nicht weiter voneinander entfernt agieren, empfängt am 21. Spieltag schließlich der Tabellenführer der A-Lyga den Tabellenletzten (8.).

Der Außenverteidiger der Heimmannschaft ist dunkelhäutig, trägt die Nummer 5, heißt Donovan Slijngard (geboren in Amsterdam) und ist genau derjenige, den ich in der WizzAir-Maschine von Eindhoven nach Vilnius mit an Bord hatte. So klein ist die litauische Fußballwelt, man kennt sich.

An der Außenlinie gibt die strenge Assistentin Ingrida Siliūnienė ihr Bestes, während auf dem künstlichen Grün von der ersten Sekunde an klar wird, dass hier und heute einzig und allein die Höhe des Ergebnisses überraschend sein könnte. Vilnius überrennt Kaunas förmlich und geht bereits nach zwei Minuten in Führung. Nach 25 gespielten Minuten wird die Führung dank einer ansehnlichen Kombination ausgebaut und ab diesem Moment sinkt das Niveau des Spiels von Minute zu Minute. Kaunas zieht in diversen Situationen in der Abwehrreihe blank und Vilnius lässt selbst allergrößte Torchancen kläglich liegen, sodass man teilweise wirklich von Slapstick sprechen muss. FUDU genießt die Abendsonne und kichert das eine oder andere Mal in sich hinein, wenn wieder ein Offensivakteur der Hausherren im Eins gegen Eins gegen den Torhüter scheitert oder den Ball aus Nahdistanz am halbleeren Tor vorbeischiebt.

In der zweiten Halbzeit fälscht ein Defensivakteur der Hauptstädter unter mittlerweile eingeschaltetem Flutlicht eine belanglose Flanke aus dem Halbfeld unhaltbar ab. Plötzlich steht es nur noch 2:1 und die Gäste aus Kaunas erhalten so etwas wie Rückenwind. Letztlich sind sie aber hoffnungslos überfordert, das Spiel zu gestalten und Chancen zu kreieren. In den letzten 15 Minuten des Spiels ist jedenfalls jeder Konter der Hausherren gefährlicher, als es die Angriffsbemühungen der Gäste jemals geworden wären. Nach 80 Minuten verpasst ein grün-weißer Akteur der Hausherren den Ball aus drei Metern freistehend vor dem leeren Tor. Angesichts dieses geschlagenen Luftlochs wird das Kichern schon etwas lauter. Nach 83 Minuten gelingt es dem Balkan-Legionär Andrija Kaluđerović das Spiel zu entscheiden. In seiner Vita stehen bislang (u. a.) folgende Stationen zu Buche: Crvena Zvezda, BJ Guoan (China), Racing Santander, AEL Limassol, FC Thun, Brisbane Roar, Al-Shahania (Katar). Große Fußballwelt!

Am Ende des Tages schießt FUDU noch Gruppenfotos im sich leerenden Stadion. Günter Hermann bekommt, wie es sich für einen Weltmeister gehört, einen Pokal überreicht und reckt diesen nun stolz in den Schein der Flutlichtmasten. Der Abend wird in unserer litauischen Lieblingskneipe noch etwas länger und ausufernder als erwartet. Günter fragt, wann wir das letzte Mal zusammen geraucht hätten und im Hintergrund spricht Charles Bukowski an der Wand eine Weisheit gelassen aus, die man auch getrost auf jede FUDU-Visitenkarte drucken könnte: „Find what you love – and let it kill you!“. Wir nicken andächtig und freuen uns bereits jetzt über die Fortsetzung in Kaunas. /hvg