480 480 FUDUTOURS International 05.12.22 11:43:40

13.08.2016 Kauno FBK – FK Dainava Alytus 0:5 (0:1) / Nacionalinės futbolo akademijos stadionas / 61 Zs.

3/3.

Die gestrige Nacht stand abermals ganz im Zeichen des Basketballs. Gemeinsam mit hocheuphorisierten Litauern fieberte ins Besondere der Wirtschaftsflüchtling mit den Helden seines neuen Lieblingssports mit. Bitter, dass die Medaillenhoffnungen der sympathischen Einheimischen durch die Spanier jäh begraben wurden. Mit 109:59 deklassierten die Iberer die grün-gelb-roten und hinterließen viele lange Gesichter in der Kneipe. Mir persönlich wird in erster Linie der tolle Augenblick in Erinnerung bleiben, in dem die beiden Bardamen aufgrund akuter Beschäftigungslosigkeit während des Spiels und angesichts hunderter auf die Bildschirme starrender Männer den Moment für günstig hielten, hinter dem Tresen die textilen Oberteile zu lüften und von (beinahe) allen unbemerkt kurzzeitig in Unterwäsche auf Bestellungen zu warten.

Heute wird uns die letzte Etappe unserer Litauen-Reise nach Kaunas führen. In einer knappen Stunde hat uns die abermals enttäuschend moderne litauische Eisenbahn in die zweitgrößte Stadt des Landes befördert. Während der Bahnhof einladend wirkt, sind die ersten in der Stadt gesammelten Eindrücke etwas befremdlich. Heruntergekommene Häuserzeilen, aufgerissene Straßen und eine komplett im Umbau befindliche Fußgängerzone im Schatten der Garnisonskirche lassen die Erwartungen schnell sinken.

Im Herzen der Altstadt angekommen werden die Bilder jedoch wieder freundlicher. Wir schlendern durch die wirklich schöne Vilniaus gatvė und kehren bei Sonnenschein und recht angenehmen 17 Grad in einem Straßencafé ein. Von hier aus genießen wir beste Sicht auf all die vorbeiflanierenden Menschen. Besonderen Reiz erhält dieser Zeitvertreib dadurch, dass bei lediglich zwei Bierlängen gleich drei Hochzeitsgesellschaften (und somit auch drei osteuropäisch herausgeputzte Bräute) samt Fotografen durch die Altstadtgasse ziehen. Das schwanenförmige Rathaus der Stadt scheint seinen Spitznamen „Hochzeitspalast“ also nicht gänzlich zu Unrecht zu tragen.

Direkt im Anschluss machen wir uns recht zeitig (aber nicht rechtzeitig) auf den Weg zum litauischen Nationalstadion „S. Dariaus ir S. Girėno“, welches über 8.248 Plätze verfügt und durch seine einzeln stehenden Tribünen optisch überzeugen kann. Heute soll hier die Zweitligapartie zwischen dem Kauno FBK und dem FK Dainava Alytus steigen. Die Heimmannschaft schaut auf eine bewegte Vita mit acht litauischen Meistertiteln und vier Pokalsiegen zurück. In der Europacuphistorie des Clubs stehen Schlachten gegen illustre Namen wie Sampdoria Genua, Celtic Glasgow oder Liverpool FC (oder bei anderer Prioritätensetzung: Randers FC, Aalborg BK, Djurgårdens IF) zu Buche. Im Jahre 2008 zog man sich dann nach Meinungsverschiedenheiten mit dem litauischen Fußballverband freiwillig aus der Beletage in die zweite Liga zurück, um nur kurz darauf in die dritte Spielklasse zwangsversetzt zu werden. Herzlich Willkommen in den Irrungen und Wirrungen des litauischen Fußballs!

Knapp 20 Minuten vor Anpfiff erspähen wir die attraktiven Flutlichtmasten des Stadions. Auch wenn der gastgebende Verein mittlerweile auf den vorletzten Rang der Tabelle abgestürzt ist und eine verheerende Tordifferenz von -104 aufweist, erscheint uns die Ruhe im weitläufigen Areal rund um die Spielstätte gespenstig. Direkt vor dem Stadion – keine Menschenseele! Und als wir dann auch noch auf verschlossene Kassenhäuschen stoßen, ist auch dem letzten dummen Schwein der Reisegruppe klargeworden, dass hier und heute kein Spiel stattfinden wird.

Eine kurze Smartphoneanalyse ergibt, dass das Spiel auf den Kunstrasenplatz der nationalen Fußballakademie verlegt worden ist. 15 Minuten nach Anpfiff haben wir auch diesen erreicht und nehmen, ohne Eintritt zahlen zu müssen und Getränke käuflich erwerben zu können, beim Stand von 0:1 Platz auf der mit 500 Sitzschalen ausgebauten Längsseite.

Ich bin kurz irritiert, als uns andere deutschsprachige Hopper mit dem Ausspruch: „Ah, die Sektion Sozialpädagogik ist auch vor Ort!“ begrüßen, von uns aber keine Reaktion darauf erhalten. Nun gut, Klischees existieren scheinbar doch nur, weil sie zu oft zutreffen.

Nach kurzer Analyse ist klar: Das Spiel auf dem artifiziellen Geläuf könnte in dieser Qualität und Erscheinungsform auch in irgendeiner unterklassigen Berliner Liga auf einem Hinterhofkunstrasenplatz ausgetragen werden. Die Gäste spielen in unterschiedlichen Trikots mit unterschiedlichen Sponsorenaufdrucken. Die Tochter des Spielers mit der Nummer 25 steht in erster Reihe und feuert ihren Papa an, der es sich nicht nehmen lässt, ihr während des Spiels dann und wann zuzuwinken. Bei der Heimmannschaft kann kaum ein Spieler einen Pass an die eigenen Mitspieler bringen. Besonders hervor tut sich hierbei der Sportsfreund mit der Nummer 23, den wir „Kanisterkopf“ taufen und dessen wunderbar rustikale Aktionen für Erheiterung sorgen. Ansonsten sticht lediglich ein Spieler namens „Faruk“ hervor, dem die Sektion Sozialpädagogik schnell eine Fluchtbiographie angedichtet hat und sich nun freut, dass er in einer litauischen Fußballmannschaft Integrationserfahrungen sammeln kann. Alles andere wäre zum jetzigen Zeitpunkt auch reine Spekulation.

Der zweite Mensch mit sichtbarem Migrationshintergrund sitzt eine Reihe vor uns. Zunächst halten wir ihn für einen Verwandten, Freund oder Kollegen Faruks, doch im Verlauf des Spiels wird klar, dass der gute Mann eine andere Rolle einnimmt. Permanent hat er das Telefon am Ohr, gibt auf nichtlitauisch Informationen über den Spielverlauf weiter und passt Quoten auf irgendeiner Wettwebseite an. Junge, junge – wenn man auf ein litauisches Zweitligaspiel vor 60 Zuschauern auf Kunstrasen Wetten abschließen kann, dann bleiben nur wenige Fragen offen…

Im Hintergrund schießen die Gäste an die Latte und schnüren die furchtbar überforderten und passiven Gastgeber in deren eigener Hälfte ein. Für die gut 20 (hoffentlich im Mannschaftsbus) mitgereisten Gästefans aus dem 70 Kilometer entfernten Alytus ist es sicherlich schier zum Verzweifeln, mit ansehen zu müssen, wie ihre Lieblinge selbst größte Torchancen ungenutzt lassen. In der zweiten Halbzeit bricht dann jedoch irgendwann naturgemäß der Bann und zwischen der 56. und 73. Minute klingelt es gleich vier Mal im Kasten Kaunas‘. Lukas Sendzikas freut sich über seinen Hattrick, wir uns über den krachenden Polenböller, mit dem der Gästemob nach dem 0:3 beinahe einen Krater ins künstliche Grün schlägt. Ebenfalls Grund zum Schmunzeln hat der alte Mann an der manuellen Anzeigetafel, der für die Veränderung des Spielstandes aus dem Gästeblock stehende Ovationen erhält.

In den letzten 15 Minuten des Spiels muss man lange vergeblich auf ein Highlight warten, ehe der FBK die Schlusspointe für sich beansprucht. Beim Stand von 0:5 kann man in der Nachspielzeit schon mal mit drei Mann alleine auf den Torhüter zulaufen und den Ball dann lediglich an den Pfosten bugsieren. Schallendes Gelächter aus dem kleinen, aber feinen Gästeblock folgt und die Nummer 23 schlägt die Hände über dem Kanisterkopf zusammen. Schlusspfiff.

Wir schlendern zurück durch die Stadt und steuern den Bahnhof an. Denkbar knapp verpassen wir unseren avisierten Zug zurück in die litauische Hauptstadt. Da der nächste Zug Kaunas erst in 90 Minuten verlassen wird, bleibt uns natürlich nichts anderes übrig, als in einer Gaststätte einzukehren. In der bahnhofsnahen Pinte erinnern wir uns an ein Bargespräch der letzten Tage, als mir in einem Anflug von latentem Rassismus bedauerlicherweise die Schulhofbeleidigung „alter Pappchinese“ von den Lippen gekommen war. Noch vor wenigen Tagen mussten die beiden ostberliner Mitreisenden über die Bedeutung des offenbar westberliner Ausspruchs aufgeklärt werden („alberner Mensch“). Schön, dass heute Ost und West gemeinsam in das wiedervereinte Horn blasen und sich nun gegenseitig „Pubchinesen“ nennen.

Im Anschluss dieses Schenkelklopfers lassen wir uns lokales „Volfas Engelman“ munden und den Urlaub bei üppiger Hausmannskost ausklingen. Kurz darauf stockt der Sektion Sozialpädagogik der Atem, als eine Dame, die mutmaßlich dem Obdachlosenmilieu zuzurechnen ist, vollkommen grün und blau geschlagen die Kneipe betritt. Der in uns aufkeimende Dreiklang aus Fürsorgepflicht, Empathie und Mitleid kämpft gegen die Unterkühltheit der Bardame an. „She always comes here and looks like this!“. Nun gut, wir sind zwischenmenschlich nicht vollkommen überzeugt, doch im Anschluss tut Monikas Schenktbieraus hinter der Theke das, was sie am Besten kann: Mit Attraktivität und Pils überzeugen. Und so kommt es, dass wir die letzte Bahn des Tages beinahe verpassen. Gerade einmal sechs Minuten vor Abfahrt haben wir das Gleis der Abfahrt erreicht und sagen zum Abschied leise Servus.

Epilog: One Night in Riga.

Während sich Günter bereits vor einigen Stunden aus dem Apartment von Vilnius geschlichen hat, um einen Bus zu irgendeinem litauischen Flughafen mit Ziel Malta zu erwischen, schlagen sich der Wirtschaftsflüchtling und ich mit Jupp, dem Trottel, herum. Ohne große Diskussionen nimmt er uns das Apartment ab und das, obwohl wir die Design-Toilettenbrille versehentlich aus der Verankerung gerissen und geschätzte 200 leere Glasflaschen unter der Spüle versteckt haben. Unwesentlich später sind wir kurz vor Mitternacht in Riga zwischengelandet und haben nun bis zu unserem Anschlussflug nach Berlin-Tegel stolze sieben Stunden Zeit für lettische Eskalation. Fasten your seatbelt, please!

Ich erinnere mich an eine Skybar, die ich 2011 im Rahmen eines Familienurlaubs kennengelernt hatte und steuere nun so zielsicher wie möglich darauf zu. Einen ersten Vertrauensbeweis bringen wir der Hauptstadt Lettlands entgegen, als wir in der Hoffnung auf eine Abkürzung einen stockdunklen Park durchqueren. Kurz darauf haben wir die Bar gefunden, sitzen im 14. Stock, schauen auf die Großstadtlichter herab und bestellen den legendären „Latvijan Mojito“, der zwar nicht mehr in der Karte steht, sich damals aber tief in meine Gehirnwindungen gefressen hatte. Die Kellnerin ist über so viel Insiderwissen entzückt und kann uns den Drink für sportliche 8,50 € selbstverständlich zaubern. Zwei Drinks später schließt die Bar ihre Pforten und wir werden in die lettische Nacht entlassen.

In der Altstadt haben wir schnell eine Bar gefunden, die vor allen Dingen mit attraktiven Öffnungszeiten aufwartet. Hier kann man die letzten vier Stunden bis zur Abfahrt unseres Flughafenbusses entspannt überbrücken, denken wir, als wir Platz nehmen und zwei Lāčplēsis bestellen. Im Fernsehen läuft eine Partie Tennis, an der Wand hängen Trikots und Schals verschiedenster Fußballmannschaften. Außer uns befindet sich nur ein Pärchen in der Sportsbar, welches im Hintergrund turtelt. Wir stoßen an und keine fünfzehn Minuten später betritt eine Dame die Kneipe, bestellt einen Kaffee und geht mit diesem hinaus in die Kälte. Mit der halb geleerten Tasse kehrt sie irgendwann zurück und lässt es sich nicht nehmen, sich direkt zu uns an die Bar zu setzen. Ich beobachte, wie die Bardame argwöhnische Blicke in die Tasse wirft und wie die Kaffeetrinkerin näher und näher an uns heranrückt und schwupps, da ist sie auch schon im Gespräch mit dem Wirtschaftsflüchtling. In mir keimt bereits eine gewisse Skepsis, doch der Italo-Hallenser ist nun in seinem Element und flirtet, als gäbe es kein Morgen. Schnell sind zwei weitere Bier bestellt und die beiden Kennenlernraketen neben mir zeigen sich bereits gegenseitig Urlaubsfotos auf dem Handy. Ich schmunzele in mich hinein und bleibe genüsslicher Beobachter der Szenerie. Irgendwann ist die Kaffeetasse geleert und die Bardame regt eine neue Bestellung an, woraufhin sich unsere neue Freundin an den Wirtschaftsflüchtling wendet und fragt: „Would you like to buy me a Cocktail?“

Dieser dreht sich mit eingeschlafenen Gesichtszügen in meine Richtung: „Ist das jetzt dieser Moment, vor dem in Reiseführern gewarnt wird?“ Ich bestätige seine Annahme lachend, er verpasst ihr eine Abfuhr, sie verlässt umgehend das Lokal und dreht draußen ihre Runden. Während wir unser Bier leeren, kreisen vor der Tür Gruppen junger Damen, bleiben immer wieder vor der Scheibe stehen und zeigen mit dem Finger auf uns. Mensch, Jupp, wat sinn wa hier beliebt!

Im weiteren Verlauf des Abends kehren immer wieder Frauen in die Lokalität ein, um wortlos an der Theke vorbeizuschneien und in irgendwelchen Hinterzimmern zu verschwinden. Besonders skurril wird es, als die Dame (Lettin) des Pärchens hinter uns plötzlich ein Hungergefühl verspürt und sich von ihrem Freund (französischsprachiger Lettinlover) ein Steak wünscht. Es gibt zwar keine Speisekarte, aber klar, dass die Bardame auf Nachfrage ein schönes Stück Fleisch für die hungrige Hausprostituierte organisieren kann. Monsieur Amoureux kann dieses stante pede per Kreditkarte zahlen und für lediglich 18 €uro ist das Vorspiel erledigt. Bei uns fällt der letzte Groschen: Ein Bordell als Sportsbar tarnen. Geschickt, geschickt.

Nachdem das letzte Bier geleert ist, verlassen wir das Etablissement und suchen eine ehrliche Kneipe. Diese meinen wir kurz darauf in der Kaleju iela im Herzen der Altstadt gefunden zu haben. In der „Cinemar Bar“ warten knapp 10 junge Männer um die 20 und eine Prostituierte um die 60 auf uns, vor der wir aber bereits vor der ersten Bierbestellung gewarnt werden. Wir prosten den anderen Kneipengästen zu und kurz darauf haben sich diese in einem Kreis um uns formiert. Oleg spricht Englisch, der Rest hat eine eher beobachtende Rolle. Oleg erklärt uns, dass er mit seiner russischstämmigen Clique in Lettland zu einer nicht besonders gemochten Minderheit gehören würde und fragt uns, woher wir kämen, wie viel Geld wir dabei hätten, wie viel Geld wir verdienen würden, wie teuer unsere Wohnungen in Deutschland seien und wie lange wir bleiben würden. Was man eben so für Fragen stellt, um einen guten ersten Eindruck zu hinterlassen.

„Entweder wir werden beste Freunde oder wir kriegen heute noch auf die Fresse!“, fasse ich die ersten Eindrücke zusammen. Mit ein paar Brocken russisch unsererseits, angenehmen Smalltalkthemen (Oleg war mal Fußball-Junioren-Nationalspieler Lettlands, Eishockey-WM in Riga) und einer Lage Getränke haben wir jedoch schnell Herzen erobert und werden Teil der Clique, deren Mitglieder Olegs Dolmetscherqualitäten nutzen, um sich ebenfalls mit uns unterhalten zu können. All das geht so lange gut, bis gegen 4:30 in der ansonsten menschenleeren Altstadt plötzlich zwei kahlrasierte Jogginghosenungetüme mit quer über den Oberkörper gehangenen Gürteltaschen aufmarschieren, die Kneipe betreten und erst einmal mit gezielten Handkantenschlägen den Bartresen von Gläsern und leeren Flaschen befreien. Alles scheppert durch die Gegend, nur die Prostituierte sitzt nach wie vor stoisch auf ihrem Holzschemel vor der Herrentoilette. Die beiden Glatzköpfe, auf deren grauen Hoodies die Buchstaben „A R M Y“ in übergroßen Lettern gedruckt sind, gehen nun in ein lautes Streitgespräch mit den jungen Russen. Kurz darauf hat sich die Szenerie auf die Straße verlagert und im Zentrum des Disputs steht nun der langhaarige der Russenclique. Ich versuche, herauszufinden, worum es hier geht und schnappe einige Wortfetzen auf. „Oleg, did they just say you can not be a real Russian with that haircut?“ Oleg lächelt nur müde und entgegnet: „Yes, you’re smart!“.

Die Lage spitzt sich zu. Nun beginnen die beiden russischen Faschisten die russische Frisur durch die Gegend zu schubsen. Banale Anmerkungen unsererseits, man könnte ja seinem Freund helfen und/oder die Polizei rufen, werden nur mit einem „No, that’s just normal, we have it every weekend“ quittiert. Ich würde die Szenerie dann gerne verlassen, da auch Oleg und seine Freunde nach und nach Abstand nehmen und sich aufmachen, den Heimweg anzutreten. Nur der Wirtschaftsflüchtling, mittlerweile voll wie ein russischer Elternabend, ist von meinem Vorhaben nicht überzeugt. „Wir können doch unsere neuen russischen Freunde jetzt nicht alleine lassen!“, lallt er mir voller Inbrunst entgegen und schlägt sich nur wenige Meter von der „A R M Y“ entfernt die Fäuste auf die Hühnerbrust. Ich schließe mich Oleg an, gehe auf Abstand und rufe den Wirtschaftsflüchtling aus der Entfernung. Ein Mal erfolglos, zwei Mal erfolglos. Beim dritten Mal rufe ich ihn eindringlicher. Auf Englisch. Bis heute weiß ich nicht, warum ich das gemacht habe, aber der Effekt ist unnachahmlich. Offenbar habe ich das Identitätschamäleon soeben in seiner neuseeländischen Phase erwischt. Anders kann ich es mir nicht erklären, warum mir dieser urplötzlich treudoof entgegen geschwankt kommt. Die Bushaltestelle bewahrt er kurz darauf durch beherztes einarmiges Festhalten vor dem Umfallen und gegen sechs Uhr haben wir den Flughafen von Riga erreicht. Ich bin mir nicht sicher, ob wir die airbaltic-Maschine jemals von Innen sehen werden, während sich der Wirtschaftsflüchtling eine überdimensionale Sonnenbrille aufsetzt, eine halbe Packung Pfefferminzpastillen einwirft und den Null-Problemo-Daumen empor reckt. Ich verabschiede mich und nehme die Sicherheitsabfertigung auf der anderen Seite. Ab jetzt ist jeder für sich selbst verantwortlich.

Kurz darauf schließen wir uns auf der anderen Seite des Security-Checks in die Arme. Na, das war ja einfach. Der Wirtschaftsflüchtling beleidigt im Vorbeigehen noch eben schnell zwei Mangamädels, die wir später in unserer Maschine wiedersehen werden. Kurz nachdem wir Bekanntschaft mit dem Futsal-Team des FC Valletta gemacht haben, sitzen wir auch schon auf unseren Plätzen und schlafen den Schlaf der Gerechten. Am Kurt-Schumacher-Platz („Kutschi“) erfüllen wir uns einen Lebenstraum und kaufen uns am Dönerstand erst einmal ein Konter-Schulle zum Frühstück, während die Flugzeuge im Landeanflug auf Tegel über unseren Köpfen kreisen. Am Abend des selben Tages wird der 1.FC Union Berlin gegen die SG Dynamo Dresden nicht über ein 2:2 hinauskommen. Und so endet die heitere Litauen-Trilogie mit einer etwas ernüchternden Statistik: Nur ein Punkt aus zwei Spielen. Wir sind bereits am Limit – aber der FCU hat noch Luft nach oben! /hvg