813 813 FUDUTOURS International 05.10.22 03:49:21

01.01.2017 FC United of Manchester – Altrincham FC 1:1 (1:1) / Broadhurst Park / 3.030 Zs.

Das erste Spiel des Jahres 2017 findet für FUDU in Manchester statt. Anlass genug, um dem liebgewonnenen Stammpub vor der Partie einen Besuch abzustatten. In „Sinclair’s Oyster Bar“ befindet man sich an historischer Stelle. Die Bar wurde im Jahre 1552 errichtet. Austern stehen seit 1845 auf der Karte und sorgen für den noch heute gültigen Namen der Kneipe, welche im Jahre 1996 nach einem Bombenanschlag der IRA Stein für Stein 300 Meter versetzt und originalgetreu hergerichtet wurde. Große Teile der Innenstadt waren damals durch das Attentat in Schutt und Asche gelegt und anschließend umgestaltet worden. Lediglich ein Briefkasten überstand diesen schwarzen Tag des Jahres 96 unbeschadet und steht noch heute aufrecht an seinem angestammten Platz.

Für weniger als 3 Pfund erhält man heute in urigem Ambiente ein lokales Lager und erlebt während des Konsums die eine oder andere unterhaltsame Geschichte. So wie neulich, als sich FUDU plötzlich inmitten eines 50. Geburtstags einer walisischen Dame befand, die sich eingangs darüber beschwerte, dass der Gin Tonic furchtbar stillos in Plastikbechern serviert wird. Es ist nicht überliefert, ob sie von dieser Sicherheitsmaßnahme des Pubs überzeugt werden konnte, indem ein Mitglied ihrer angeheiterten Feiergesellschaft den halben Tisch mit einem gezielten Handkantenschlag abräumte und die Gläser eben NICHT klirrend zu Boden fielen.
Ansonsten gilt rückblickend festzuhalten, dass wir in noch keiner englischen Stadt sooft so früh zum Ausgang gebeten worden sind. In Manchester schließen die Pubs zu früher Stunde und halten an einigen Tagen die Pforten gar gänzlich geschlossen. Sperrstunde ist Carestunde – selten erlebte FUDU seine Urlaubstage dermaßen ausgeschlafen!

Dafür hat Manchester an anderer Stelle aber einiges an Kulturprogramm und touristischen Sehenswürdigkeiten zu bieten. Die nüchternen Momente kann man getrost im von Daniel Libeskind gestalteten „Imperial War Museum North“ verbringen, in dem ein Mitmachangebot dazu einlädt, ein Wettrennen durch das geteilte Berlin zu unternehmen. Klar, dass dem alten Ossi Fackelmann in seinem Trabant hierbei nur der zweite Platz bleibt. In der „Potato Wharf“ warten opulente Fish&Chips Mahlzeiten darauf, von uns verspeist zu werden, während man in Castlefield römische Spuren der Stadtgeschichte und Eisenbahnviadukte bestaunen kann. Das Second-Hand-Kaufhaus „Afflecks“ ist mit seinen verkramten Etagen auf jeden Fall eine Abstecher wert und lässt nostalgische Erinnerungen an das Künstlerhaus „Tacheles“ aufkommen.

Nun aber Fußball. Die Geschichte des FC United of Manchester dürfte hinlänglich bekannt sein. Heute erhofft sich FUDU durch den Besuch des von Fans gegründeten Clubs mit eigenem Fußballstadion das Erlebnis ursprünglicher und echter englischer Fußballatmosphäre fernab vom großen Kommerzspektakel der oberen Profiligen. Der Bahnhof Newton Heath & Moston ist aus der Stadtmitte in gerade einmal 12 Minuten erreicht und der Fußweg zum Broadhurst Park von knapp einer Meile schnell zurückgelegt. Für 9 Pfund erhält man freie Platzwahl, leider aber keine Eintrittskarte als Souvenir, worüber sich die gut und gerne (nennen wir mal eine Zahl, die empirisch nicht haltbar ist) 300 Hopper am heutigen Tag sicherlich allesamt ärgern werden. Das Stadion bietet drei Stehtribünen, von denen die Hintertortribüne die deutlich höchste ist. Auch unter der kleinen und recht flachen Sitzplatztribüne, die man allen Ernstes mit einem Aufzug erreichen und in dessen Bauch man deftige Menüs mit Braten und Rotkohl bestellen kann, befinden sich einige Stehplätze, auf denen wir das Spiel in der ersten Halbzeit verfolgen werden. Natürlich nicht, ohne noch schnell im FCUM-Fanshop eine kleine Erinnerung in Form eines Turnbeutels erstanden zu haben.

Im Stadion fallen die Zaunfahnen positiv auf, die auf der Gegengerade ein schönes Bild abgeben. Besonders hervor stechen die Glazer-kritischen Plakate und antifaschistische Symbole, aber auch die Slogans „Makin‘ Friends not Millionaires“ und „Supporters not Customers“ wissen zu überzeugen. Der 1.FC Union Berlin ist durch die „Gockelz“ in der Zaunfahnengalerie präsent. Ein kleines Mädchen schiebt ihren Puppenwagen vor sich her, während zwei Hunde an der Eckfahne miteinander rangeln. Na, dann kann es ja losgehen.

Der Schiedsrichter eröffnet die Partie und muss sie nur wenige Augenblicke später wieder unterbrechen. Es ist ein Tor erzielt worden. Die Gäste aus Altrincham wissen gar nicht, wie ihnen geschieht, als das Heimpublikum nach weniger als einer gespielten Minute kräftig mit Torschütze Gilchrist feiert. Im Anschluss entwickelt sich ein rassiges und intensives Spiel, welchem man anmerkt, dass beide Manschaften vor nur wenigen Tagen in Altrincham aufeinandergetroffen waren. Da haben einige Spieler noch gut in Erinnerung, mit welchen Kollegen der Gegenseite man vor kurzem noch aneinandergeraten war und mit wem man sich Verbalduelle geliefert hat. Eine Giftigkeit, die man sonst nur aus Play-Off-Spielen anderer Sportarten kennt.

Nach 20 Minuten gelingt den Gästen aus Altrincham durch Owens der Ausgleich. Hervorgegangen war dem Treffer ein katastrophaler Stellungsfehler von Luke Ashworth, welchen er aufgrund seiner Geschwindigkeitsdefizite auch nicht mehr wettmachen konnte. Bereits im Hinspiel landete der Name Ashworth mit folgenden Stichpunkten auf den Notizzetteln FUDUs: Abrissbirne, Kanisterkopf, Kneipenschläger.

In Folge haben die Gäste, die abgeschlagen am Tabellenende der Liga rangieren, etwas mehr vom Spiel. Den nächsten wirklichen Höhepunkt gibt es dann allerdings erst in der 45. Minute zu bestaunen, als die eben beschriebene Giftigkeit aller Akteure kulminiert und es zu einer wilden Rudelbildung kommt, im Rahmen derer geschubst und geschlagen wird. Der Schiedsrichter behält den Überblick und schickt zwei Akteure mit roten Karten vom Feld, während der Rest des wilden Haufens ungesühnt davon kommt. Duschen gehen müssen Jake Moult aus Altrincham und – natürlich – Luke Ashworth. Gott sei dank gibt es in Manchester Gin Tonic nur noch in Plastikbechern.

Die zweite Halbzeit wird dann zu einer einzigen Enttäuschung. Auch in dieser wird es im Stadion kein Bier zu erwerben geben und die ohnehin schon halbgare Stimmung lässt weiter nach. Die erhoffte Fußballatmosphäre kann man also auch im Broadhurst Park nicht erleben, nur gelegentlich lassen die Schlachtenbummler, die hier eher ins Stadion einkehren, um mit ihren Stehplatznachbarn zu quatschen, englische Fußballlieder durch den Park schallen. Wir haben den Platz gewechselt, befinden nun auf der Hintertortribüne und haben das Glück, neben einem Mann zu stehen, der sich aufmacht, den Schiedsrichter und den gegnerischen Torwart zu beleidigen. 45 Minuten am Stück. Mit 800 Dezibel. Währenddessen geschieht auf dem Rasen rein gar nichts und auch die kümmerliche Schlussoffensive der rot-schwarz-weißen Hausherren bleibt ohne zählbaren Erfolg. Bei einsetzender Abendkühle kommt der Schlusspfiff einer Erlösung gleich und FUDU eilt zurück zur Straßenbahn und Richtung Stadtzentrum.

Nur kurz darauf wird FUDU erneut ins Oyster-Team berufen und trinkt sich das Erlebnis schön. Auch dieses Mal verzichten wir dankend auf Ale in Gelee und entscheiden uns für Taddy Lager aus der 100 Kilometer entfernten Samuel Smith Brewery in Tadcaster. Unter dem Strich steht: Der FC United of Manchester ist ein wichtiger Gegenentwurf zum modernen Fußball, aber auf den Rängen muss er noch weiter mit Leben gefüllt werden. Und so lange wir in britischen Stadien nicht mit Bier gefüllt werden dürfen, zieht es uns wohl immer wieder zurück zu Alba ins alcoholic-Hotel. /hvg