341 341 FUDUTOURS International 02.02.23 09:27:04

02.01.2017 Blackburn Rovers FC – Newcastle United FC 1:0 (0:0) / Ewood Park / 18.524 Zs.

Ehe sich Fetti versieht, ist er auch bereits am Ende seiner England-Reise angekommen. Heute steht für ihn und seine Freunde ein letztes Spiel auf dem Programm, welches unter besonderen Vorzeichen steht. Es ist schon merkwürdig, aus welchen Gründen man Zuneigungen zu Fußballvereinen verspüren kann, ohne konkrete Bezugspunkte zu der Stadt und den Menschen zu haben. Im Falle der Blackburn Rovers habe ich seit mittlerer Kindheit ein Band konstruiert, das mich immer wieder aus der Ferne auf die Ergebnisse und Tabellensituation des Clubs schielen lässt. Es muss im Sommerurlaub 1994 gewesen sein, als ich mir zehnjährig ein Alan Shearer Trikot aussuchte. Eine Hälfte blau, eine Hälfte weiß, Stehkragen mit Druckknopf. Wunderschön. Und dabei hatte ich aus naiver kindlicher Sicht das Sahnehäubchen in Form des Brustsponsors gar noch verkannt: Mc Ewan’s Lager! In Folge begleiteten mich die Rovers an meinem Körper auf Nordberliner Bolzplätzen und auch bei dem einen oder anderen Videospielturnier mit Freunden verhalf ich Blackburn virtuell zu Ruhm und Ehren. Kurz darauf feierte Alan Shearer mit seinem kongenialen Sturmpartner Chris Sutton im realen Leben die sensationelle Meisterschaft in der Premier League. Und ich feierte gewissermaßen mit ihnen.

Heute fasziniert mich vor allen Dingen das Logo des Clubs. Die rote Rose repräsentiert stolz die Region Lancashire, in der die Rovers beheimatet sind. Das darunter prangende Vereinsmotto „Arte et Labore“, welches bei Vereinsgründung im Jahre 1875 dem Stadtrat entlehnt worden war, ist an Schönheit nicht zu übertreffen. Kunst und Arbeit. Besser kann man Fußball nicht beschreiben, einen besseren „Claim“ könnte sich heute kein Marketingfuzzi ausdenken. Kurz nach dieser Feststellung ist das Sightseeing-Dreiangel Bahnhof – Kathedrale – Post Office in handgestoppten 12 Minuten abgelaufen.

Wahrlich, eine Schönheit ist dieses Blackburn nicht. Darbende Textilindustrie, tristes Ambiente, ausgestorbene Innenstadt, schäbige Kneipen mit Hell’s-Angels-Türstehern. 105.000 Einwohner fristen ihr Dasein in diesem depressiven Setting. Auffällig viele Menschen pakistanischer Herkunft prägen das Stadtbild mit und bringen mit ihren Imbissbuden und Tante-Emma-Läden wenigstens etwas Abwechslung und Farbe in den grauen Alltag. Im Nachgang der Reise kann dieser Eindruck mit Fakten belegt werden: 25% der EinwohnerInnen Blackburns haben Allah als ihren Gott auserkoren. Nur in London ist der Bevölkerungsanteil muslimischer BürgerInnen im vereinigten Königreich noch höher. Was man nicht alles statistisch erfassen kann.

Kurz darauf stellen wir fest, dass es sich bei dem wunderschönen Post Office um einen Pub der Kette Wetherspoon’s handelt. Das schönste Gebäude der Stadt ist eine Kneipe. Mehr Worte muss man dann über Blackburn auch nicht mehr verlieren.

Der Pub ist bereits mit hunderten trinkwütigen Gästefans aus Newcastle gefüllt, als der Fackelmann und ich die Lokalität entern. Schnell haben auch wir uns flüssige Nahrung geordert, was aber nicht verhindern kann, dass der Fackelmann, womöglich auch aufgrund des Schwermuts, der wie ein bleierner Nebel über der Stadt lag, nun beginnt, Trübsal zu blasen. Über seine Social Media Abteilung lässt er seinen tiefgründigen Gedankenspielen freien Lauf. Ghandi habe einst gesagt, man solle jedes Jahr an einen Ort reisen, den man noch nicht kennt. Es ist der zweite Januar. Wir sitzen in Lancashire und trinken Bier. Da kann man sich schon einmal etwas niedergeschlagen die Frage stellen, was zur Hölle man dann mit dem Rest des Jahres anfangen soll.

Obwohl die Stadt bereits besichtigt ist und die Eintrittskarten vorbestellt sind, dränge ich darauf, den Pub etwas rechtzeitiger zu verlassen. Man würde ja nie wissen, ob die Ticketabholung immer reibungslos funktioniert, tue ich kund. Ich würde mich jetzt nicht als den typischen Astro-TV-Zuschauer bezeichnen. Aberglaube, Hexenwerk, schwarze Magie, schicksalhafte Fügungen, seherische Fähigkeiten, esoterische Schwingungen. Alles Quatsch. Aber als ich das letzte Mal vor Beginn der Arbeit gesagt habe, ich hätte ein komisches Gefühl, hat sich ein Junge beim Fahrradfahren den Kiefer gebrochen und zwei kleptomane Kinder sind von der Polizei in die Gruppe eskortiert worden. Seitdem sage ich im Arbeitskontext einfach nicht mehr Bescheid, wenn ich komische Gefühle habe. Und erst kürzlich habe ich kommen sehen, dass das letzte Bier auf dem Weg nach Hause am nächsten Morgen für Kopfschmerzen sorgen wird. Vielleicht bin ich doch derjenige, der schmetterlingseffektmäßig einmal die Welt vernichten wird. Was ich aber eigentlich sagen wollte: In Blackburn liegen unsere Tickets natürlich nicht wie abgesprochen zur Abholung bereit, nachdem ich diese Befürchtung wenige Minuten zuvor laut ausgesprochen hatte.

Mehrmals blättert die freundliche Dame am Ticketschalter durch alle verfügbaren Briefumschläge, doch keiner von ihnen ist mit meinem Namen beschriftet. Glücklicherweise habe ich die Buchungsbestätigung ausgedruckt dabei. Ein zweiter Mitarbeiter wird herbeigerufen. Gefühlte 15 Minuten lang klickt er sich am Computer die Finger wund, zuckt die Schultern, schüttelt den Kopf. Sein System würde zeigen, dass die Karten bereits gedruckt worden seien. Ob wir sie vielleicht schon abgeholt haben? Am Ende wittert er den großen Betrug. Wir werden doch nicht etwa die Absicht haben, uns die Tickets ein zweites Mal ausdrucken zu lassen, um sie dann ahnungslosen Einheimischen zu verkaufen? Zwar spricht er diese Vermutung nicht laut aus, das Wort „DUPE“, welches er in großen roten Lettern auf unsere „erneut ausgedruckten“ Karten kliert, lässt allerdings darauf schließen. Sei es wie es sei. Wir haben unsere Tickets und können nun noch entspannt eine Runde um das Stadion drehen.

Zunächst bestaunen wir eine Statue von Jack Walker, seines Zeichens einheimischer Industrieller, der Ende der 80er Jahre zunächst Material für einen Tribünenneubau stiftete und die Gehälter einiger Spieler stemmte. Anfang der 90er Jahre übernahm er dann die Eignerschaft des Clubs und finanzierte die weitere Modernisierung des Stadions. Über 25 Millionen Pfund flossen darüber hinaus in die Mannschaft, unter anderen in den Transfer Alan Shearers. Jack Walker, hier als „der größte Fan der Rovers“ tituliert, legte maßgebliche Grundsteine für die letzte erfolgreiche Ära der Rovers.

Im Verlauf des weiteren Rundgangs lassen sich nostalgische Fotos der größten Cluberfolge an den Tribünen finden (3x Meister, 3x FA-Cup-Sieger in Serie, was keinem anderen englischen Verein gelang und die Rovers dazu berechtigt, ihre Eckfahnen mit dem Clublogo zu zieren). In der Galerie darf dann natürlich auch der Held meiner Kindheit nicht fehlen. Währenddessen vermischen sich beide Fangruppen, an einigen Verkaufsständen gibt es sogar Fanartikel Newcastles zu erwerben. Tausende Unterstützer der „Magpies“ warten derweil auf Einlass am Gästeblock und werden mit Bewegtbildern vergangener Spiele ihres Lieblingsvereins bei Laune gehalten. Ach, schön ist’s hier…

Womit wir dann beim traurigen Teil des Berichts angekommen wären: Die Gegenwart der Blackburn Rovers. Jack Walker würde sich vermutlich im Grabe umdrehen, wenn er wüsste, dass sich die Rovers aktuell auf Platz 22 der zweiten englischen Liga befinden und ein weiterer Abstieg kaum noch zu verhindern ist. Schlimmer noch, dass die Brüder Balaji und Venkatesh Rao, die mit ihrer Firma „Venky’s London Limited“, einer Tochtergesellschaft der im indischen Pune ansässigen „Venkateshwara Hatcheries Private Limited“, den Club 2010 übernommen haben und in dieser Zeitspanne desaströse 100 Millionen Pfund (!!!) Schulden angehäuft haben. Der Fußballgott möge seine Hände möglichst lange schützend über die 50+1 Regel legen und uns vor solchen Gestalten bewahren!

Wir nehmen Platz auf der ältesten Tribüne des Stadions, die mit ihrem Giebeldach wunderbare englische Fußballnostalgie verströmt. Um uns herum protestieren die Fans der Heimmannschaft heute folgerichtig zum wiederholten Male gegen die Eigentümer, die in 10.000 Kilometer Entfernung den Club ins Verderben schlittern lassen. „Venky’s Out!“ prangt auf einem Plakat auf der Haupttribüne und der Rest des Stadions, das auf Heimseite nur spärlich besucht ist, tritt in eine Art Stimmungsboykott. Die 6.934 (!) Fans aus Newcastle, die die gesamte Hintertortribüne füllen, bieten hingegen die beste Fußballstimmung, die wir auf dieser Reise erleben dürfen. Fast durchgängig wird gesungen und angefeuert, selbst Startrainer Rafael Benítez bekommt einen eigenen Song gewidmet und mit einem herrlich ironischen „Shall we sing a song for you?“ wird das Heimpublikum vorgeführt.

Auf dem Rasen verhalten sich die Rovers wie das Kaninchen vor der Schlange. Die erste Halbzeit wird von United dominiert, Angriffswelle um Angriffswelle schwappt auf das Tor der Gastgeber zu. Die vielbeinige Abwehr der Rovers wirft sich tapfer in jeden Schuss und kann mehrmals in allerhöchster Not klären. Wann immer Newcastle eine Lücke im Abwehrbeton gefunden hat, springt Keeper Steele in die Bresche und stellt sein Können unter Beweis. In der 20. Minute rettet nach einem schönen Diamé-Schuss nur noch die Torlatte. Wie durch ein Wunder steht es zur Halbzeitpause 0:0 und schon wird das Publikum mit einem furchtbaren Cheerleader-Auftritt weiter gequält.

In der zweiten Halbzeit sehen die ca. 12.000 Blackburn-Supporter, unter denen die 25% Muslime übrigens überhaupt nicht vertreten sind, den selben Spielverlauf. Newcastle hat den Ball, Newcastle treibt diesen nach vorne, Newcastle zirkuliert um den Strafraum. Newcastle passt, dribbelt, schießt. Newcastle, Newcastle, Newcastle. Nach 60 Minuten haben die „Magpies“ zwei Tore erzielt, die jedoch beide von Schiedsrichter Woolmer aberkannt werden. Nach 62 Minuten kommen die Rovers erstmalig gefährlich in des Gegners Hälfte. Ein Fernschuss streift knapp am rechten Pfosten vorbei. Diese eine gelungene Aktion gibt den Gastgebern Mut, plötzlich nehmen sie am Spiel teil und wittern ihre Chance. Nach 74 Minuten stellt Charlie Mulgrew mit einem direkten Freistoß den Spielverlauf komplett auf den Kopf. Die 1:0 Führung wird frenetisch gefeiert und im Anschluss leidenschaftlich verteidigt. Die große Schar Newcastle-Supporter verstummt, bei den Rovers wird Manchester-Legende Wes Brown eingewechselt, um den Sieg über die Zeit zu bringen. Wenige Minuten später ist das Fußballwunder vollbracht, doch so richtig freuen kann sich angesichts der dunklen Wolken über dem Ewood Park niemand. Sinnbildlich, dass kurz vor Abpfiff der Partie Teile der Stadionbeleuchtung ausgefallen waren. In Blackburn gehen die Lichter aus…

Und in Deutschland mischt sich derweil Altkanzler Schröder in die aktuelle politische Debatte ein. Spiegel Online schreibt, er würde gerne dazu beitragen wollen, die „Flüchtlingskrise“ zu lösen. „Na, hoffentlich nicht mit Gas“, sagt derjenige von uns, der die politisch inkorrekte Pointe schneller fertig hatte. Bleibt abschließend eigentlich nur noch die Frage zu klären, was wir mit dem Rest des Jahres anfangen werden. Vielleicht: Arte et Labore. Denn es is‘ ja och keene Kunst, nich zu arbeiten! /hvg