572 572 FUDUTOURS International 05.12.22 11:20:05

03.09.2017 FC Honka – Kokkolan Pallo-Veikot 3:1 (0:1) / Tapiolan urheilupuisto / 1.254 Zs.

Da erwacht man am Sonntag gut erholt in Espoo auf der Wohnzimmercouch des Tischfinnen, denkt an nichts böses, blickt voller Vorfreude auf den heutigen seichten Ausklang des Kurzurlaubs in Finnland und – schwups – schon ist man in die Falle gegangen. „Ach ja, da war ja was“, denkt sich Fetti kurz darauf und erinnert sich an seinen Sommerurlaub in Rimini, als er „Ursus“ trinkend auf dem Balkon saß und via Facebook mit dem heutigen Gastgeber kommunizierte. Dieser hatte damals in vorauseilender Gehorsamkeit gebeichtet, sich auf einer Groundhopping-Tour in der Slowakei und in Österreich irgendwelche Parasiten eingeschleppt zu haben, die nun ihn und seine Wohnung unsicher machen würden. Nun, gut drei Wochen nach der Übermittlung dieser Information, bestehen ¾ des Fußbodens aus doppelseitigem Klebeband, um die vermaledeiten Biester zu fangen. Ärgerlich nur, dass sich bis heute aber kein einziges Tier, bis auf das Gastschwein aus Berlin, in der Eigenkonstruktion verheddert hat.

Sei es, wie es sei. Fetti kann sich gerade so aus eigener Kraft befreien und genießt nur kurz darauf einen Frühstückskaffee und eine „Omenapiirakka“ mit seinem Gastgeber, der die Jagd nach dem Ungeziefer bereits mehr oder minder aufgegeben hat. „Omenapiirakka“ bedeutet „Apfeltasche“ und ist nach „Elchpisse“, „Arschwasser“, „Mietminderung“ und „sich alleine zu Hause in Unterhosen betrinken“ schon der fünfte Begriff in meinem aktiven Wortschatz – bei FUDU lernt man weiter fleißig finnisch!

Heute steht übrigens ein Besuch des örtlichen Fußballclubs an, der in der zweiten finnischen Liga „Ykkönen“ aktuell auf dem dritten Tabellenplatz rangiert (36 Punkte) und heute den um einen Rang besser platzierten Club aus Kokkola (39 Punkte) empfangen wird. Gelingt heute ein Sieg, würde der FC Honka sechs Spieltage vor Ultimo auf den zweiten Tabellenplatz vorrücken, der am Ende der Saison von besonderer Bedeutung sein wird, da er zur Teilnahme an der Qualifikation zur „Veikkausliiga“ berechtigt. Und auch der direkt aufsteigende Tabellenführer Turun Palloseura (kurz: TPS) aus Turku wäre mit ebenfalls 39 Punkten noch nicht gänzlich außer Reichweite. Der FC Honka strebt eine Rückkehr in die Beletage des finnischen Fußballs an. 2014 wurde dem Club aus Espoo die Lizenz verweigert, was einen Zwangsabstieg in die Drittklassigkeit zur Folge hatte. Zuvor hatte man 7 lange Jahre sogar international gespielt und im UEFA-Pokal beispielsweise den Real Racing Club de Santander in Empfang nehmen dürfen.

Bei dieser besonderen sportlichen Ausgangslage droht das kleine Stadion mit 3.500 Plätzen natürlich aus allen Nähten zu platzen, was den verrückten Tischfinnen dazu animiert, sicherheitshalber via Smartphone im Vorverkauf zuzuschlagen und uns Tribünenplätze zu je 15 € zu sichern.

Nur wenig später haben wir den Tapiolan urheilupuisto (→ Sportpark) erreicht und ich habe mit großem Bedauern festgestellt, dass das Stadion in den vergangenen Jahren massiv zurückgebaut worden sein muss und es sich bei der Haupttribüne um eine furchtbare Stahlrohrtribüne handelt, auf der man zu allem Überfluss seine reservierten Plätze mangels Ausschilderung nicht finden kann. Das Dach besteht aus einer Zeltplane, die jämmerlich im Wind auf- und abflattert und ein furchtbar nerviges Klappern erzeugt. Dazu sorgt eine Dachstütze für signifikante Sichtbehinderung, während den Menschen auf der Gegenseite auf zwei kleinen Stehtribünen am linken und rechten Rand der Gegengerade die Sonne ins Gesicht scheint. Bei uns zieht es wie Hechtsuppe&Hulle, ich friere und frage mich angesichts 2.300 freier Plätze im Stadion, worin genau der Vorteil an der vorab getätigten Bestellung gelegen hat. Mal ganz zu schweigen davon, dass ich am Ende des Tages leider kein Papierticket für die Sammlung daheim mein Eigen nennen kann. Da muss sich Fetti, das haptische Wesen, schon eine kleine Träne verdrücken.

Da man dem alkoholisierten Finnen an sich nicht zutraut, unfallfrei Treppen zu steigen, ist das Konsumieren alkoholischer Getränke auf unserer Vollversagertribüne nicht gestattet. Da kullert sie dann doch, die erste Träne, doch schnell sorgt Schiedsrichter Mohammad Al-Emara für Ablenkung, indem er das Spiel eröffnet.

Der FC Honka, 1957 ursprünglich als Tapion Honka gegründet, führt aktuell einen Sponsorennamen über dem Vereinslogo und somit semioffiziell auch im Vereinsnamen. Ein lokales Sportzentrum hat es mit einem geschickten Wortspiel aus „Espoo“ und „Sport“ geschafft, in die heiligsten Sphären des Fußballclubs vorzudringen. Verwunderlich ist, dass sie hingegen auf den schwarz-gelben Trikots paradoxerweise nicht als Hauptsponsor vertreten sind. Dafür warten die Gäste aus Kokkola gleich mit acht (!) verschiedenen Brustsponsoren auf und gehen in dieser Kategorie uneinholbar in Führung.

Auf dem Platz sehen die Vorzeichen jedoch schnell anders aus. Hier ist der Gastgeber in der Anfangsphase deutlich überlegen und nach lediglich acht Spielminuten sind bereits drei hochkarätige Abschlussgelegenheiten und ein Abseitstor vom aufmerksamen Protokollanten erfasst worden. Nachdem die Anfangseuphorie ergebnislos verpufft ist, lädt der FC Honka seine Gäste auf ziemlich fahrlässige Art und Weise ein, ebenfalls am Spiel teilzunehmen. Gleich zwei eklatante Fehler im Spielaufbau kann Kokkola seinerseits jedoch ebenfalls nicht in zählbares ummünzen. Nachdem Honkas Nummer 11 Ömer Masar in der 20. Spielminute bereits seine zweite große Chance ausgelassen hat, verflacht die Partie zusehends und der Schwung der Anfangsminuten geht endgültig verloren. Die Gäste laufen nur hinterher und lauern ausschließlich auf Fehler der Hausherren, wobei die Taktik nicht gänzlich in Frage zu stellen ist, da Honka dann und wann immer mal wieder kleinere Ungenauigkeiten im Spielaufbau zeigt, die schnell ins Auge gehen könnten. Mit dem allerersten selbst initiierten Angriff gelingt Kokkola durch Konstiantyn Iaroshenko nach 38 Minuten die Führung. Auf den Passgeber Irakli Sirbiladze weise ich aus zweierlei Gründen hin. Erstens ist der 34 Jahre alte Georgier mit vier Länderspielen und 46 Toren in der Veikkausliiga der wohl erfahrenste Mann auf dem Platz und zweitens sieht sein Name im georgischen Alphabet einfach nur wunderschön aus: ირაკლი სირბილაძე. Guter Mann!

In der Halbzeitpause vergnügen sich die Kinder auf der Hüpfburg an der Eckfahne links der Haupttribüne und wir uns an der gegenüberliegenden Seite. „Eckfahnenkneipe“ nennt der Tischfinne das mit Hamburger Gittern abgesperrte Trinkerareal etwas euphemistisch und ich bin nach dem Sturzbier bereit, auch die zweite Halbzeit im Eiskanal zu Espoo zu bestreiten.

Etwas weniger Lust als FUDU verspürt Lucas Kaufmann auf den zweiten Spielabschnitt. Der brasilianische Regisseur Honkas überzeugt mit guter Technik, feiner Ballkontrolle, guter Spielübersicht und genauen Flanken. Problematischerweise sind seine Mitspieler zu keiner Zeit in der Lage, mit ihm und seinen Gedanken Schritt zu halten. Und so wird sein Gezeter und Lamentiere von Minute zu Minute größer und die eine oder andere abschätzige Geste untermauert das von uns Beobachtete. Da können wohl auch die Sambaklänge, die der Stadion-DJ mit Handschuhen in der Halbzeitpause einspielte, auf Dauer nicht trösten.

Mehr Trost spendet dann ein Doppelschlag in der 58. und 60. Minute, mit dem der FC Honka 2:1 in Führung gehen kann. Erst trifft Abwehrspieler Laevuo nach einer Ecke per Fuß, ehe Masar Ömer seine dritte Gelegenheit nach einem schönen Angriff über den linken Flügel und Flachpass in den Strafraum zur Führung veredeln kann. Einmal in Fahrt gekommen, ist der Finnland-Türke nicht mehr zu halten und so legt der bullige Mittelstürmer in der 78. Minute noch einen nach und versetzt die 1.254 Zuschauer (Rekordbesuch!) mit seinem 8. Saisontor in Verzückung. Eine Minute später verlässt in Michal Mravec der auffälligste Akteur der Gäste humpelnd den Rasen – und das nicht nur wegen des Klebebands an seinen Stutzen und Schuhen. Kurz darauf eskaliert die Situation auf dem Rasen auf das Heftigste, als nach einem Abseitspfiff ein Foulspiel erfolgt und es zu einer Rudelbildung kommt. In dem Gerangel verpasst der Moldawier Victor Shevchenko seinem Gegenspieler eine Kopfnuss und erhält folgerichtig die rote Karte. Nachdem der Schiedsrichter den eigentlichen Kernkonflikt gelöst und die Streithähne voneinander getrennt hat, lässt es sich Honkas russischstämmiger Robert Ivanov nicht nehmen, Shevchenko noch die eine oder andere Beleidigung mit auf den Weg zu geben, woraufhin er mit gelb-rot ebenfalls zum Duschen geschickt wird.

In der 88. Minute gibt es einen letzten Schockmoment für die Hausherren zu verdauen, als Doppeltorschütze Ömer ebenfalls verletzungsbedingt vom Platz getragen werden muss und nun für die kommenden Aufgaben im Kampf um den Aufstieg auszufallen droht.

Damit Fetti für die kommenden Aufgaben in Berlin nicht ausfällt, bleibt er nach der Rückfahrt mit dem Linienbus nach Espoo-City, in dem das defekte Display nichts anderes anzeigen kann als den wichtigsten aller finnischer Buchstaben, für den Rest des Abends hoch fokussiert. Er kennt jetzt jede Falle, er kennt jetzt jeden Kniff. Und so zieht er, ohne ein weiteres Mal in doppelseitiges Klebeband zu tappen, einen Strich unter einen gelungenen Finnland-Ausflug. In der Hoffnung, sich keine österreichisch-slowakischen Insekten ins Handgepäck geholt zu haben, ist die Hauptstadt von Kackeland am Montagmorgen mit dem wohl letzten Air-Berlin-Flug in Fettis Leben erreicht. Air Berlin ist tot – lang lebe Fetti! /hvg