966 966 FUDUTOURS International 05.12.22 11:53:11

02.02.2018 Nîmes Olympique – AC Ajaccio 1:1 (0:0) / Stade des Costières / 7.407 Zs.

Kinder, wie doch die Zeit vergeht. Der kleine Torsten-Per Freistoß wird schon Sieben und auch der Schurke kommt langsam etwas in die Jahre. Grund genug, nach dem Rumänien-Ausflug des letzten Jahres endlich einmal wieder an der Planungsschraube für ein unvergessliches langes Wochenende zu drehen.

Die DFL spielt uns hierbei in die Karten, indem sie das Auswärtsspiel des 1.FC Union Berlin beim DSC Arminia Bielefeld auf Montagabend terminiert. Schnell sind zwei Urlaubstage für Freitag und Montag eingereicht, bei einer Billigfluglinie unfassbar günstige Flüge nach Toulouse aufgetaucht und ehe man sich versieht, sind drei Tage Südfrankreich am Stück freigeschaufelt und das Motto der Reise ist auserkoren: We’ve got nothing Toulouse! Noch spielt es keine große Rolle, dass der französische Fußballverband seine Spieltage noch nicht endgültig terminiert hat. Rund um Toulouse sind mit Nîmes und Marseille schließlich zwei attraktive Reise- und Fußballziele mit Heimspielen an diesem Wochenende geboten. Da 9/10 der Zweitligapartien in Frankreich am Freitagabend ausgetragen werden, darf das Risiko, dass ausgerechnet Nîmes am Samstag spielen wird, ohnehin als eher gering beziffert werden und so entscheidet sich FUDU für eine Vorabbuchung eines TGV von Toulouse nach Nîmes und plant eine erste Übernachtung in der alten Römerstadt ein. Das Heimspiel von Olympique de Marseille gegen den FC Metz wird dann schon am Samstag oder Sonntag stattfinden. 9/10 aller Erstligapartien werden schließlich am Wochenende angesetzt. Was also soll da schon schiefgehen?

Zunächst einmal werfen jedoch zwei fußballfremde Institutionen Knüppel zwischen die minutiöse Planung der FUDU-Schweine. Am Abreisetag fällt zunächst die Regionalbahn zum Flughafen Schönefeld aus, dann klingelt des Schurken Handy. Am anderen Ende der Leitung befindet sich seine aufgeregte Chefin, die auch im Skiurlaub mit der eigenen Familie nicht ganz abschalten kann und einen wichtigen „TM“ am Montag auf ihrer „Prio“ stehen hat. Es geht um einen eigentlich bereits abgesagten Vortrag in Berchtesgaden, den nun ausgerechnet der Schurke halten soll. An seinem Urlaubstag, an seinem Geburtstag, am Tag des Auswärtsspiels auf der Bielefelder Alm. Und als wäre dieser Dreiklang der Impertinenz nicht schon allein Anlass des Ärgers genug gewesen, muss es der guten Frau genau in diesem Augenblick zu allem Überfluss auch noch aufgefallen sein, dass sich der Schurke am Freitag in ihrer Abwesenheit eben NICHT im Büro, sondern auf dem Weg nach Südfrankreich befindet. Weitere Telefonate mit der Chefin und den Veranstaltern werden am Flughafen Schönefeld und einige Stunden später in Toulouse folgen. Ergebnis des Hin und Her: Keine Chance. Der Schurke muss bereits am Sonntag die Segel streichen und auf das Spiel in Bielefeld verzichten. Mince alors!

Da ist es nur ein schwacher Trost, dass wir beide auch auf ein Heimspiel im Stade Vélodrome verzichten müssen, da es der FFF tatsächlich gelungen ist, neben der Partie in Nîmes auch das Spiel in Marseille auf den Freitagabend zu legen.

Selbstverständlich dürften wir im Flugzeug auch dieses Mal nicht ohne Aufpreis nebeneinander sitzen und wie durch einen wundersamen Zufall bleiben beide Fensterplätze neben uns verwaist. Um 13.45 Uhr sind wir für 9,99 € p.P. mit „Turnbeuteltours“ sanft und sicher in Südfrankreich gelandet und erholen uns von dem lauten und sinnlosen Geschrei einer Mädchengruppe, die sich mit an Bord befunden hatte. Leider haben wir bei der zeitlich etwas eng getakteten Planung nicht berücksichtigt, dass sich Frankreich nach den terroristischen Attacken der Vergangenheit mehr oder minder in einer Art Dauerausnahmezustand befindet und Passkontrollen bei der Einreise zur Normalität gehören. Schnell schmilzt der Zeitpuffer in der Warteschlange dahin und ohne eine Taxifahrt zum Bahnhof Matabiau hätten wir unseren Schnellzug nach Nîmes mit großer Sicherheit verpasst. Im Hintergrund läuft die „Ballade der Unzulänglichkeit menschlichen Planens“: „Ja, mach nur einen Plan, sei ein großes Licht! Und mach dann noch ’nen zweiten Plan – gehen tun sie beide nicht!“

Im Hotel nimmt uns die freundliche Rezeptionistin erst einmal mit einem warmen Tee in Empfang. Die Dame wird wissen, warum. Wenige Minuten später betreten wir unser Monteurszimmer mit kleiner Küchenzeile UND Klimaanlage. Sicherlich ist es im Süden Frankreichs angebracht, das Zimmer an 300 Tagen im Jahr herunterkühlen zu können, bei lediglich 9° Außentemperatur am Tag und 2° in der Nacht wäre es aber ebenso wenig verwerflich, die kalten Luftströme bei Bedarf auch abschalten zu können. So aber zieht es wie Hechtsuppe und nach einem schnellen Einkauf im nebenan gelegenen „carrefour“ gibt es für uns keinerlei Gründe, unnötig lange in unserem Zimmer zu verweilen.

Im „Stade des Costières“ empfängt der gastgebende Olympique de Nîmes (kleines Rätsel für unsere H&M-Racker an der Stelle: Wo mag der Jeansstoff wohl seinen Ursprung haben?) als aktueller Tabellenzweiter heute den Dritten aus Ajaccio. Man darf also echten Aufstiegskampf in einem Stadion erwarten, das von Außen nicht unbedingt nach einem Stadion aussieht. Irgendwo zwischen Shopping Mall, Parkhaus und Pyramidenanlage pendeln die Assoziationen, während die Kinder die abgeschrägten Wände zum fröhlichen Rutschen missbrauchen und lediglich die Flutlichtmasten im Hintergrund untrügliches Zeichen dafür darstellen, dass hier in unmittelbarer Nähe gleich ein Fußballspiel angepfiffen werden wird.

Seit 1989 spielt Olympique Nîmes in dem Stadion des Architekten Vittorio Gregotti, der sich mehr oder minder zeitgleich auch für den Neubau des „Stadio Luigi Ferraris“ in Genova verantwortlich zeigte und dadurch eine gewisse optische Ähnlichkeit der beiden Spielstätten nicht gänzlich zu leugnen ist.

Seit 25 Jahren spielt Nîmes in der zweithöchsten Spielklasse. Dank ihres Torjägers Umut Bozok, der mit 16 Toren die Schützenliste anführt, dürfen in diesem Jahr leise Hoffnungen auf eine Rückkehr in die Beletage gehegt werden. Dennoch ist die Stimmung bei den „Krokodilen“, wie der Club aufgrund der Verbundenheit der Stadt mit ihrem Wappentier, welches einst in Form eines Münzsymbols durch ägyptische Sklaven nach Nîmes gebracht wurde, nicht die beste. Heute gehen die Fans wegen einer weiteren drohenden Veränderung im Clublogo auf die Barrikaden und unterstützen die eigenen Farben eher halbherzig.

Bei alkoholfreiem Bier und kaltem Wind lässt sich der Stadionsprecher, der sich hier als Capo aufspielt und die trägen Massen zu animieren versucht, nur schwer ertragen. Wenig Kredit bei den eigenen Fans genießt derweil Linksverteidiger Ripart, der nach zwei-drei technischen Fehlern und Ungenauigkeiten im Aufbauspiel gnadenlos ausgepfiffen wird. Die knapp 200 Gästefans aus Ajaccio, die immerhin 470 Kilometer Distanz (mit ein wenig Ozean im Weg) zurückgelegt haben, um heute dabei sein zu können, fallen durch solides Gepöbel von den Traversen angenehm auf.

Auf dem Rasen wandert die erste große Chance in der 20. Spielminute auf den Notizblock. Ajaccios defensiver Mittelfeldspieler Camara taucht urplötzlich völlig blank im Sechzehner auf, schlägt dann aber ein klägliches Luftloch und stellt nachhaltig unter Beweis, dass er sich eher für Defensivaufgaben eignet. Aber auch die offensiven Kollegen Camaras stellen sich fünf Minuten später nicht viel geschickter an, als sie einen schnörkellos vorgetragenen Konterangriff nicht in Zählbares ummünzen können.

Nach einer knappen halben Stunde gehen die Hausherren dann beinahe durch einen Treffer der Marke „Tor des Monats“ in Führung. Camara, auch defensiv nicht so standfest wie vor wenigen Worten noch erhofft, vertändelt fahrlässig einen Ball im Spielaufbau, Torhüter Leca steht zu weit vor seinem Kasten – und um ein Haar schlägt der Heber aus gut und gerne 30 Metern im Gehäuse der Korsen ein.

In der zweiten Halbzeit wird Nîmes weiterhin bemüht sein und viel guten Willen, aber ebenso viele Unzulänglichkeiten offenbaren. Oft versucht man es über die Flügel, bleibt in letzter Instanz aber brotlos und agiert im letzten Drittel zu kompliziert. Etwas klarer spielen es da die Gäste aus Ajaccio aus, welche nach 53 Minuten in Führung gehen können. Nach einer Flanke, bzw. einer Kopfballverlängerung auf den zweiten Pfosten, steht Gimbert goldrichtig. In Folge bringt der Schiedsrichter mit einigen fragwürdigen Entscheidungen Gift in die Partie. Umut Bozok fällt heute nicht durch gefährliche Abschlüsse auf, sondern durch permanentes Gestikulieren, Diskutieren und aggressiver Spielweise. Das Spiel wird in dieser Phase immer giftiger und mehreren Akteuren kommt derart die Galle hoch, dass man nun im Minutentakt grätschend ineinander scheppert, was dem Unterhaltungswert der Partie zu Gute kommt, zumal der Unparteiische die gelben Karten lange Zeit überaus großzügig stecken lässt.

Nach 74 Minuten versetzt Sada Thioub die Anhänger Olympiques in Verzückung. Mehrere Gegenspieler prallen hoffnungslos überfordert von seinem stabilien Büffelkörper ab, als er beherzt von der rechten Außenbahn nach Innen zieht und den Ball mit dem linken Fuß in die Maschen peitscht. Die letzte Viertelstunde bleibt aufregend und am Ende sind es eher die Hausherren, die sich über den Punktgewinn freuen können, schließlich wird Ajaccio noch ein Abseitstor aberkannt und auch Gimbert scheitert in der Nachspielzeit denkbar knapp. Ebenfalls denkbar knapp scheitert Gästespieler Marin daran, über die volle Distanz des Spiels auf dem Platz verweilen zu dürfen. Nach einer weiteren völlig überzogenen Grätsche wird er nach 94 Minuten mit gelb-Rot des Feldes verwiesen.

Noch während wir das Stadion verlassen, erfahren wir das Endergebnis aus Marseille. Olympique besiegt Metz mit 6:3 – haben wir also nichts verpasst.

Dass wir in Nîmes dennoch goldrichtig sind, zeigt sich am nächsten Morgen nach einem ausgiebigen Frühstück in der Küchenzeile. Dem Schurken gelingt es tatsächlich, ein Fünf-Sterne-Rührei zu zaubern, die Dame an der Rezeption nimmt unsere Gepäckstücke entgegen, druckt unsere Flugtickets ab Marseille für uns aus und schon geht einem das Sightseeing in der wirklich wunderbaren Stadt leicht von der Hand.

Ein Feinschmeckermarkt wird in der antiken Innenstadt von gleich mehreren Flics bewacht, wobei der mit der Pfeife unsere Herzen im Sturm erobert. Fetti, das alte Trüffelschwein, kann sich aufgrund der Präsenz der Staatsmacht noch gerade eben so beherrschen und greift bei 120,00 € pro 100 Gramm dann lieber doch nicht kleptomanisch zu und schon treibt es unsere Helden hinein in das Amphittheater aus dem Jahre 100. Der imposante Bau, der dem römischen Kolosseum nachempfunden und 1863 in eine Stierkampfarena umgewandelt wurde, ist einen Besuch wert und wird heute zusätzlich dadurch aufgewertet, dass lediglich fünf weitere Touristen durch die Katakomben krauchen. Auch die Tempelanlage „Maison Carrée“ und der „Tour Magne“ dürfen mit der 14 € teuren Eintrittskarte besichtigt werden. Als Sightseeingmotor fungiert heute auch die Geocaching-Leidenschaft des Schurken, der mit Hilfe meines rudimentären Schulfranzösisch Schätze zu finden versucht. Besonders stolz sind wir darauf, dass es uns in den „Jardins de la Fontaine“ gelingt, eine gleich mehrteilige Knobelaufgabe korrekt zu lösen. Darauf ein Glas Wein und dann steht auch bereits die Weiterreise nach Montpellier auf dem Plan.

Montpellier? War doch gar nicht geplant! Tja, wenn beide Pläne nicht gehen, schmiedet man flugs einen neuen. So ist das eben mit den ganz großen Lichtern. /hvg