696 696 FUDUTOURS International 21.02.20 04:59:07

14.02.2018 Füchse Berlin Reinickendorf – Charlottenburger FC Hertha 06 3:1 (0:0) / Stadion am Wackerweg / 105 Zs.

Den Valentinstag sollte man immer mit seiner großen Liebe verbringen. Gut, dass die Gespielin Fußball (mon amour) heute einige Partien im einzig wahren Pokalwettbewerb bereithält. Husch, husch, husch, wir holen den Paul-Rusch!

Diese Geschwindigkeit versprühende Losung mache ich mir zu Eigen und sprinte wenige Augenblicke nach meinem Mittwochfeierabend zum S-Bahnhof Buch. Eine knappe halbe Stunde später habe ich den Eichborndamm erreicht und begebe mich auf den kurzen Fußweg in die Verlängerung der Kienhorststraße in Reinickendorfer Kleingarten-Idylle, die bis 2013 „Wackerweg“ geheißen hatte.

Nun befindet sich das „Stadion am Wackerweg“, das lange Zeit auf den Rufnamen „Wackerplatz“ hörte und bis heute in Berliner Fußballfachkreisen so genannt wird, also offiziell in der Kienhorststraße. Diese legendäre Spielstätte zählt heute zur Berliner Fußballroute und kann einige Geschichten von Früher erzählen. Im Jahre 1974 stieg der ortsansässige SC Wacker 04 aus Versehen in den bezahlten Fußball auf und wurde zum Gründungsmitglied der zweiten Fußball-Bundesliga. Einen Großteil der Heimspiele musste Wacker 04 jedoch im Poststadion austragen. Erst nach dem Umbau und der Modernisierung des „Wackerplatzes“ (Zäune, separate Duschen für Schiedsrichter) zog man 1978 dorthin zurück und trug u.a. Punktspiele gegen den FC St. Pauli, Rot-Weiß Essen, Wuppertaler SV, Alemannia Aachen, VfL Osnabrück, Preußen Münster vor jeweils vierstelliger Kulisse aus.

Im Jahre 1994 fusionierte der insolvente SC Wacker 04 nach seiner Auflösung mit dem Kiezrivalen BFC Alemannia 1890. Anfangs lautete der Vereinsname SG Wacker-Alemannia, später BFC Alemannia 90-Wacker. 2013 wurde der Name „Wacker“ gänzlich ausgelöscht und ein weiteres Stück Berliner Fußballgeschichte wurde beerdigt. Ehemalige „Wackeraner“ machten damals den Präsidenten des BFC Alemannia, der sich politisch für die CDU Reinickendorf-West engagierte, auch für die Umbenennung des „Wackerwegs“ in „Kienhorststraße“ verantwortlich. Nicht mal mehr im Straßenbild war der ehemalige Zweitligist fortan präsent…
Da aber auch der BFC Alemannia 90 nach und nach sportlich in der Bedeutungslosigkeit verschwand, dümpelte auch der „Wackerplatz“ lange Jahre ungenutzt vor sich hin. Nun wird er durch die Reinickendorfer Füchse, die dank der Handballabteilung, die mittlerweile als Aushängeschild des Gesamtvereins herhalten muss, nunmehr offiziell „Füchse Berlin“ heißen und den Ortsteil „Reinickendorf“ nur noch als Appendix mit sich herumtragen, wieder belebt. In Ermangelung eines Flutlichts in der eigentlichen Heimspielstätte am Freiheitsweg („Fuchsbau“) werden in der Berlin-Liga und im Pokal einige Spiele auf den „Wackerplatz“ verlegt, der im Jargon der Reinickendorfer Füchse nun als „Fuchskäfig“ vermarktet wird.

Dieser Name lässt sich zumindest aufgrund der Enge der Spielstätte und des Zauns, welcher 1978/79 errichtet worden ist, nachvollziehen. Es müssen ziemlich spektakuläre Schlachten gewesen sein, die an Ort und Stelle in der Oberliga und der zweithöchsten deutschen Spielklasse ausgefochten worden sind, wenn hier dem Hörensagen nach um die 5.000 Menschen unmittelbar am Spielfeldrand mit den Spielern der Berliner Trainerlegende Klaus Basikow († 05.03.2015) mitfieberten. Mein letzter Besuch der Spielstätte rührt übrigens aus dem Jahre 2004, als der BFC Alemannia 90-Wacker die Geschichte des SC Wacker 04 noch ernst nahm und zum „100 jährigen Jubiläum“ der lila-weißen in mittlerweile blau-gelben Alemannia-Trikots Hertha BSC empfing und vor 1.500 Zuschauern mit 0:7 unterlag (Tore: Marcelinho, Madlung, Marx, 2x Nando Rafael, Neuendorf, Dejagah).

Heute haben die „Füchse“ der Vereinsgaststätte und auch Teile der Katakomben bereits einen grün-weiß-roten Anstrich verpasst. Nur noch einige wenige blau-gelbe Kacheln auf der Toilette und die charmante „VIP-Lounge“ erinnern an die bewegte (Vereins-)Vergangenheit des Stadions, welches früher 15.000 Menschen fasste und heute immerhin noch Platz für 5.000 Zuschauer bietet.

Hier steht nun das Achtelfinale des Berliner Verbandspokals an. Ich habe meinen Geburtstagsgutschein vier Monate aufgehoben, auf den richtigen Moment gewartet und lasse mir nun im Rahmen eines echten Fußballhighlights Eintritt (6 €) und Stadionbier von meinem Vater bezahlen. Das Flutlicht brennt, ist aber so dunkel, dass mir kein einziges vernünftiges Foto gelingen wird. Unter den 105 handgezählten Zuschauern befindet sich auf Einladung meines Vaters auch dessen neuer Nachbar. Das Stadionbier lehnt er dankend ab. Er habe sich das Trinken abgewöhnt und wenn er jetzt eines probieren würde, würde es nur wieder ausarten. Daran sei seine Ehe gescheitert oder konkreter: weil er seine Frau dann und wann im Rausch vertrimmt habe. Was man eben so von sich erzählt, wenn man beim ersten Kennenlernen schnell eindringlich unter Beweis stellen mag, dass man gehörig einen an der Murmel hat.

18.55 Uhr. Die Spieler der Füchse und die klassenhöhere Hertha aus Charlottenburg betreten den Platz. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt hat der Rasen in den letzten Tagen ordentlich gelitten und ist knochenhart. Die Stollen der Fußballschuhe klacken jedenfalls im fröhlichen Chor und nicht ganz zu Unrecht wünschen sich Spieler und Schiedsrichter beim sportlichen Shakehands „gute Gesundheit!“ auf dieser Betonfläche.

Das Schiedsrichtergespann, zu dem auch ein ehemaliger Jugendfreund zählt, der heute an der Außenlinie seiner Beschäftigung nachgeht, eröffnet die Partie. Es entwickelt sich – vermutlich auch dank der Bodenverhältnisse – ein ausgeglichenes Spiel. Der Außenseiter aus Reinickendorf kann auf Augenhöhe mithalten und Gäste-Torwart Nies muss seine Vorderleute nach 25 Minuten mit einem markigen „Wir sind gar nicht da!“ aufwecken. Nach 36 Minuten gelingt den Charlottenburgern der erste Abschluss, doch der gut frei gespielte Ex-Unioner Sebastian Emre Stang schießt den Ball in die dritte Etage, wo er in einer Pappel hängen bleibt. Bei genauerer Betrachtung entdeckt der geneigte Beobachter zwei weitere Spielgeräte, denen selbiges Schicksal widerfahren ist und denen nun in den Baumkronen nach und nach die Luft ausgehen wird. Mein Vater macht sich im Anschluss etwas über die so hochgelobten Favoriten lustig, was deren Anhängerschaft nicht lange auf sich sitzen lässt: „Was wollt ihr eigentlich? Wir spielen hier auf einer Eisbahn!“

In der Halbzeitpause legt der Nachbar noch einmal nach und erzählt von seinen langen Auslandsaufenthalten, die im diplomatischen Dienst zu seinem Alltag gehören würden. Er bietet mir in ungefähr 100 Städten dieser Welt Schlafplätze an und empfiehlt mir, den einen oder anderen Fußballverein zu besuchen. Selbstverständlich hat er überall beste Kontakte ins Rotlicht- und Drogenmilieu, hier und da ein paar Kinder gezeugt und eventuell sei seine Ehe auch daran gescheitert, dass er permanent breit irgendwo rumgehurt hat. Meine Diagnose ist fertiggestellt. Leichte Psychose, bisschen dissoziativ, bisschen Realitätsverlust. Vielleicht Borderline, vielleicht schizophren. Wenn er das nächste Mal offiziell für ein halbes Jahr im „diplomatischen Dienst“ ist, würde es mich jedenfalls nicht wundern, wenn man ihn in eben jenem Zeitfenster nicht auch einfach auf „Bonnie’s Ranch“ besuchen könnte…

Im zweiten Spielabschnitt geht der CFC Hertha durch einen Handelfmeter nach gut einer Stunde in Führung. Die Reaktion der Füchse lässt nicht lange auf sich warten und Haubitz gelingt nach 64 Minuten ein Kopfballtreffer nach einer mustergültig geschlagenen Flanke. Nun ist ein echter Pokalfight eröffnet und sieben Minuten vor Schluss ist die Sensation für die Füchse zum Greifen nahe, als Engel einen schönen Pass in die Schnittstelle der Abwehrkette aufnehmen und eiskalt verwandeln kann. Fünf Minuten Nachspielzeit spendiert das Schiedsrichterkollektiv zum Missfallen der Heimzuschauer den Charlottenburgern für eine Ausgleichschance, doch in der ersten Minute der Nachspielzeit sind alle Würfel gefallen. Im Forechecking erzwingen die Füchse einen Ballverlust im Mittelfeld und ersticken mit einem blitzsauber zu Ende gespielten Konter die Hoffnungen des Oberligisten im Keim.

Kurz darauf feiern die Spieler, Betreuer, Fans und ein Hund der Reinickendorfer gemeinsam den Einzug in das Viertelfinale auf dem vereisten Rasen des Wackerwegs. Die Herthaner sind ausgeschieden und müssen bis zur Saison 2018/19 auf ihr nächstes Paul-Rusch-Pokalspiel warten. Der DJ spielt dem Anlass entsprechend die „Bitterkalt-Symphonie“ ein, während wir den Sportplatz verlassen und den Heimweg in unterschiedliche Richtungen antreten.

Das Wegbier im einzigen Späti in Nähe des U-Bahnhof Scharnweberstraße kostet utopische 1,60 € und ein erster kurzer Blick auf die Website der Füchse zeigt mir direkt auf der Startseite, dass man nun mit der GdP kooperiert und dass sich der Präsident des Gesamtvereins sehr darüber freuen würde. Dieser ist niemand geringeres als Reinickendorfs CDU-Vorsitzender Dr. Frank Steffel, der als „Kennedy von der Spree“ im Wahlkampf um den Berliner Bürgermeisterposten 2001 glücklicherweise gehörig baden ging. Mein Vater meldet sich per SMS, dass der Nachbar auch auf dem Weg nach Hause noch diverse Sonderbarkeiten von sich gegeben hätte, er aber glücklicherweise sicher zu Hause angekommen ist. Alles in allem bleibt ein Aufenthalt in Reinickendorf irgendwie Gewöhnungssache. Aber für seine große Liebe muss man eben auch mal Opfer bringen. Gerade am Valentinstag! /hvg