123 123 FUDUTOURS International 01.04.20 11:22:04

29.09.2018 FC Internazionale – Cagliari Calcio 2:0 (1:0) / Stadio Giuseppe Meazza / 55.487 Zs.

Die „beste zweite Liga aller Zeiten“ hat endlich einmal wieder eine Spieltagsansetzung zu bieten, die sich so richtig gewaschen hat. Der 1.FC Union Berlin darf am Montagabend zum Superclásico-Blockbuster beim FC Ingolstadt 04 aufdribbeln. Grund genug, sich in „Kalenderübungen“ und in den Spielplänen der europäischen Ligen zu verlieren und aus der Not eine Tugend zu machen. Wenn man schon in den sauren Apfel beißen muss, für einen Kick beim FC Mediamarkt einen Tag Urlaub einzureichen, dann sollte wenigstens ein Komplettpaket geschnürt werden, welches sich auch den Namen Urlaub verdient.

Und so sitzt Fetti bereits am Samstag in aller Herrgottsfrüh im „easyJet“-Bumsbomber nach Malpensa, um sich für das Montagsspiel in Ingolstadt schon einmal in Stellung zu bringen. Norditalien bei Bayern, kennt man ja.

Es fühlt sich in der Tat so an, als würde man sich dem endgültigen Ziel der Reise durch diesen Flug etwas annähern, doch ein Blick auf bloße Fakten bringt Ernüchterung: Berlin → Ingolstadt = 509 Kilometer, Milano → Ingolstadt = 567 Kilometer. Fetti weiß aber schnell Abhilfe zu schaffen, setzt sich flugs den Faktenabsorbierer in Form eines Aluhuts auf den Schweineschädel und ist sich seiner Sache dann wieder sicher. So ein Ausflug nach Italien kann nie verkehrt sein! (Anmerkung der Redaktion aus dem Jahre 2020 in Anlehnung an Michael Gwisdek in der Rolle des Friedrich: Naja, stimmt aus heutiger Sicht vielleicht nicht, aber die heutige Sicht, die hatten wir ja damals nicht…)

In der Zwischenzeit hat auch der Hotelier meines Vertrauens auf die Anfrage nach der Möglichkeit eines früheren Check-Ins, welche ich angesichts der Ankunftszeit von 9.05 Uhr am Flughafen einfach stellen musste, italienisch adäquat geantwortet. „Maybe yes, Maybe not“. Na, wenn das keine Aussage ist, mit der man arbeiten kann, denkt sich Fetti, löst sich eine Fahrkarte zum Hauptbahnhof und besteigt frohen Mutes den „Malpensa Express“. Eine knappe Stunde später rollt der Zug dann bereits auch am altbekannten und immer wieder wunderschönen Bahnhof Milano Centrale ein. Ich gehe bekannte Wege und suche schnurstracks den Supermarkt im Erdgeschoss auf, um mich mit einem kleinen italienischen Frühstück (Birra Moretti) einzudecken, bevor ich meine Weiterfahrt zum Bahnhof Lambrate antreten werde. Nach erfolgreichem Einkauf konstruiert sich Fetti erneut die Wahrheit zurecht und ist urplötzlich felsenfest davon überzeugt, dass es keine anderen Optionen gibt, als schleunigst die Sicherheitsschleuse mit dem abgelaufenen „Express-Ticket“ zu durchschreiten, um die letzten sechs Minuten der Hinreise bewältigen zu können. Die Zeit drängelt, die Regionalbahn fährt schließlich nur alle 40 Minuten und die Schlangen an den Ticketautomaten sind lang (…und von der Metro-Verbindung ham wa noch nie was gehört!). Mehr Gründe braucht es nicht, um den freundlichen Angestellten der „Trenitalia“ die ungültige Fahrkarte unter die Nase zu halten. Ob sie mich mit diesem Ticket wohl passieren lassen werden? Schnell haben die beiden (er zu meiner Linken, sie zu meiner Rechten) entschieden, mit mir eine weitere Partie „Maybe yes, Maybe not“ zu spielen und während er auf das Kleingedruckte pocht und das Recht der italienischen Eisenbahngesellschaft durchsetzen und mich zum Kauf einer neuen Fahrkarte verdonnern mag, vertritt sie den liberalen Flügel der augenzudrückenden Barmherzigkeit. Zwei Minuten vor Abfahrt meines Zuges hat sich dann glücklicherweise die Frau durchgesetzt, mir noch einmal nett zugelächelt und mich durchgewunken. Wieder ’ne Mark fünfzig gespart!

Im „Hotel Lugano“ ist man glücklicherweise bereits so weit und hat mein Zimmer mehrere Stunden vor dem offiziellen Check-In bezugsfertig gemacht. Zwar habe ich das „Maybe yes, Maybe not“-Spiel erst heute Vormittag kennengelernt, aber ich scheine ganz gut darin zu sein. Auf dem Zimmer wird die allseits geschätzte Devise „Jetzt ein Bier und dann ab ins Bett“ ausgerufen, das „Moretti“ aus dem Rucksack hervorgeholt und im Anschluss ein grundsolides Nickerchen bis um 16.30 Uhr auf die To-Do-Liste geschrieben.

Gut erhoolt schnelle ich am Nachmittag aus den Federn und begebe mich auf Nahrungssuche. In unmittelbarer Nachbarschaft der Herberge befinden sich alle Restaurants in der Siesta und ich erinnere mich wieder daran, dass man in Italien nur zwischen 12.00 und 15.00 und erst wieder ab 20.00 Uhr Hunger haben darf. Mit der Hoffnung auf etwas mehr touristischem Publikumsverkehr in der Innenstadt und damit einhergehenden geöffneten Lokalitäten, löse ich mir ein Tagesticket und trete bereits am frühen Nachmittag die Anreise in Richtung San Siro an, welche ich am „Porta Garibaldi“ zu unterbrechen gedenke. Jetzt also doch 4,50 € für ein 24-Stunden-Ticket – da hätte ich mir ja zumindest eine Partie „MYMN“ sparen können…

Der Bahnhof Garibaldi wird von einem japanischen Automobilhersteller gesponsert und es schüttelt mich kurz. So weit ist es also schon, dass nicht nur Fußballstadien Sponsorennamen erhalten, sondern mittlerweile ganze Bahnhöfe von Großkonzernen zwecks Marketing missbraucht werden. Er kann. Sie kann. Saufkumpan!

Dennoch lohnt sich der Ausstieg, wie sich alsbald in der Fußgängerzone nahe des Bahnhofs herausstellen wird. Hier gibt es nämlich etliche geöffnete Speiselokale und im „Rocking Horse“ ist man für ein Bier und die freundliche Bereitstellung von Messer und Gabel schnell den ersten Zehner losgeworden. Wo Touristen sind, gibt’s Essen – und manchmal eben auch „Coperto“ für vier und Bier für sechs Euro. Klar, dass sich Fetti angesichts eines solchen Tourinepps kurzzeitig sauelend fühlt. Porca Miseria, aber Hauptsache, die Pizza schmeckt!

Im Anschluss begebe ich mich mit der vollautomatischen U-Bahnlinie 5 nach San Siro. Mein erster Besuch des Stadio Giuseppe Meazza liegt bereits gute viereinhalb Jahre zurück. Damals durfte FUDU Augenzeuge eines 0:0 zwischen Inter und Udine werden – ein bisschen mehr Spektakel dürfte es beim zweiten Versuch schon sein…

Bereits im Vorfeld der Reise habe ich mir meine Eintrittskarte online gebucht. Aus Fehlern wird man bekanntlich klug und in Erinnerung an die Balustrade des Schreckens, die man 2014 auf der sündhaft teuren Haupttribüne im Sichtfenster hatte, ist die Wahl dieses Mal auf ein 30 € Hintertortribünenticket im zweiten Rang gefallen. Als ich den Block betrete, fährt mir schnell ein erster Schreck in die Edi – offenbar bin ich aus Versehen inmitten eines kleinen Fanblocks gelandet. Männer mittleren Alters schwenken Fahnen und sind eifrig damit beschäftigt, ihre Banner aufzuhängen. Als wäre dies allein nicht schon Sichtbehinderung genug, stellt sich nach Ankunft auf meiner Sitzschale heraus, dass es mir zum zweiten Male gelungen ist, mich denkbar ungünstig zu platzieren. Da ist sie wieder, die Fick-Dich-Brüstung, das Metallmonster, welches mein barrierefreies Fußballvergnügen in den kommenden 90 Minuten arg zu beschneiden wissen wird. Wenn ich irgendwann einmal den AC Milan besuche, um die Serie A rechtmäßig zu komplettieren, dann wird mir das nicht noch ein(drittes)mal passieren!

Mit etwas gedämmter Vorfreude setze ich mich den Qualen aus, die die Stadionregie für mich bereithält. „Everybody Dance Now“. Die Neunziger haben angerufen, sie wollen ihr Set zurück. Aber wenigstens trägt das Unterhaltungsprogramm dazu bei, dass alle Menschen, die sich in meinem Block befinden, die Lust auf das Spiel verlieren. Alle 14 Tage kann man das auch echt nicht ertragen und so setzen sich all die alten Männer recht bald pflichtbewusst auf ihre Hintern, stellen das Schwenken der Fahnen sowie ihre Gesänge ein und entfernen auch die Banner von der Reling. Endlich in Ruhe Fußball gucken.

Das Spiel beginnt. Einige wenige Schlachtenbummler haben die weite Anreise aus Sardinien auf sich genommen und werden aus reiner Dankbarkeit und Gastfreundschaft in den einzig geöffneten Block des dritten Ranges über mir verfrachtet. Die Gäste sind mir Darijo Srna und Ragnar Klavan in der Verteidigung sympathisch aufgestellt und Stürmerstar Marco Sau erobert Fettis Herzen natürlich im Sturm, während die Heimelf vor dem Champions League Duell gegen Eindhoven am kommenden Mittwoch heute nur mit einer Art B-Mannschaft antritt. Dieser gelingt jedoch bereits früh die Führung: Nach einer maßgeschneiderten Flanke von Dalbert steht Lautaro Martínez, der an den ersten sechs Spieltagen ganze 69 Minuten Einsatzzeit erhalten hatte, goldrichtig und nickt mit seinem ersten Saisontreffer in der 12. Spielminute zum 1:0 ein.

Bedauerlicherweise zeigt sich Inter alles andere als beflügelt von diesem frühen Erfolgserlebnis und lässt jegliches energisches Nachsetzen vermissen. Mit viel zu wenig Tempo ohne Ball schleppen sich die Interisti über das Feld, während die Gäste im Spielaufbau einige gute Ansätze zeigen. Doch demonstriert man hier in Reinkultur, dass kein noch so gut gespielter öffnender Pass etwas bringt, wenn man sich im Angriff nicht durchzusetzen weiß und entscheidende Pässe zu ungenau spielt. So haben die Hausherren leichtes Spiel, das Ergebnis zu verwalten, auch weil man die Gäste mit vielen kleinen Fouls locker und leicht aus dem Fluss bringt. Nicht unbedingt zur Freude des verwöhnten Publikums, das hier wenig Geduld zeigt und alles andere als zufrieden mit der dargebotenen Leistung ist. Die Stimmung tendiert bereits gegen Nullpunkt, als Schiedsrichter Massa zum Pausentee bittet.

Inter kommt schlecht aus der Kabine und agiert auch in Folge fahrig und uninspiriert. Die Konsequenz: Nach lediglich 55 gespielten Minuten mischen sich erste deutlich vernehmbare Pfiffe in die ansonsten mucksmäuschenstille WM-Spielstätte von 1990. Aufgeweckt wird das Publikum erst durch einen schnell vorgetragenen Angriff, der dafür sorgt, dass Antonio Candreva urplötzlich vor Gästekeeper Crago auftaucht, im 1:1 Duell aber scheitert. Weitere Pfiffe erntet Spallettis Team nach rund 70 Minuten, als immer mehr Bälle völlig unnötig verloren gehen. Kaum zählbar, wie viele leichte Anspiele in den Füßen des Gegners landen, kaum auszuhalten, wie viele lange Bälle ins Nirwana oder ins Seitenaus geschlagen werden. Und wer weiß, wie sich das Geschehen weiter entwickelt hätte, hätte Cagliaris Ausgleich nach einer Ecke gezählt. Doch der feine Herr Videoschiedsrichter sorgt für die Annullierung des Treffers und dafür, dass einige Inter-Akteure daraufhin ziemlich widerlich provokant vor dem Gästeblock posieren.

Immerhin können die blau-schwarzen diese überheblichen Gesten in Folge mit Leistung unterfüttern. Mit einem doch recht ansehnlichen Schlussspurt verdient sich Inter letztlich den Erfolg: In der 75. Minute scheitert man noch per Kopf im Anschluss einer kurzen Ecke an der Querlatte, doch die letzte Standardsituation des Spiels ist für Cagliari dann nicht mehr zu verteidigen. Zwar unterläuft Politano an der Strafraumkante bei der Annahme der halbhoch herein gespielten Ecke ein technischer Fehler, doch wohl dem, der einen versprungenen Ball dann einfach Volley an den Innenpfosten und von dort ins Tor befördern kann. In der 89. Minute ist in San Siro somit die Entscheidung gefallen und das Publikum ist plötzlich wieder zum Leben erweckt. Gemeinsam hüpfend und singend schwört man sich schon jetzt auf das Derby gegen den Stadtrivalen ein, welches in zwei Wochen an Ort und Stelle ausgetragen werden wird. Vielleicht würde man hier die Faszination Giuseppe Meazza spüren können, die man nun zwei Mal erhofft und eben nicht erlebt hat.

Am U-Bahnhof läuft hingegen alles reibungslos. Die Menschenmassen werden dank zweierlei Countdowns bestmöglich sortiert. Der erste Countdown zeigt bei geschlossenen Türen die verbleibende Zeit, bis sich diese wieder öffnen, der zweite zählt von 450 Menschen, die offenbar gleichzeitig in eine vollautomatisierte Bahn passen, rückwärts bis Null, ehe sich die Tore wieder verschließen. Selten bis nie habe ich einen derart gut organisierten Ablauf erlebt, der dazu führt, dass wirklich niemand auf den Gedanken kommt, drängeln oder schieben zu müssen. Ob es morgen in Parma wohl genau so gesittet zugeht? Maybe yes, Maybe not! /hvg