113 113 FUDUTOURS International 07.07.20 20:34:49

02.03.2019 SC Weiche Flensburg von 1908 – SV Werder Bremen II 1:1 (0:0) / Manfred-Werner-Stadion / 922 Zs.

Das Wochenende beginnt am Freitagabend mit einem 2:0 Auswärtssieg beim Kieler SV Holstein. Felix Kroos und Sebastian Andersson sorgen mit ihren Toren dafür, dass es sich wieder einmal gelohnt hat, einen Tag Urlaub zu nehmen, um eine Stadt zu besuchen, die man eigentlich gar nicht sehen wollte. Um das Leid noch ein wenig zu vergrößern, gibt es nach Abpfiff natürlich auch keine Möglichkeit mehr, direkt nach Berlin zurückkehren zu können und so werden Fetti und seine Freunde nahezu dazu gezwungen, ihren Aufenthalt in Schleswig-Holstein um einen Tag zu verlängern und einen Pakt mit dem Hoppingteufel zu schließen. Ach, weiche von mir, Satan!

Im Bus vom „Holstein-Stadion“ in die Kieler Innenstadt erspähe ich eine mir unbekannte Auswärtsunionerin. Gerade will ich den „Fackelmann“ auf dieses attraktive Geschöpf aufmerksam machen, da dringt auch schon ein verloren geglaubter großer Bruder von „Uganda-Schorsch“ in unser Gespräch. Alkoholisiert wie ein russischer Elternabend, gut gelaunt wie vier fröhliche Rabauken und im Einklang mit der Welt wie Meister Yoga, möchte er mit uns sein Stadionerlebnis teilen. Als er nach dem vierten Mal Anstoßen merkt, dass er gerade etwas ungelegen kommt, lässt er im wunderbarsten Brösel-Slang einen Satz vom Stapel, der uns in den folgenden Stunden immer wieder einholen wird: „Oh, hattet ihr hier grad ’ne Situ-a-tion?“ So schön, dass wir im Anschluss dann doch wieder mit ihm ins Gespräch gehen und im Geiste Grüße nach Ostafrika schicken. Geben wir dir Brief und Siegel drauf, dass der zu Dir gehört!

Als wir den Bus verlassen und ich die Dame noch einmal aus der Nähe sehe, habe ich mich bereits verliebt. Familie Fackelmann trödelt beim Ausstieg ein wenig und zeigt dann absonderliche Verhaltensmuster, als wir die Holstenstraße entlang schlendern und sich plötzlich ein Partyzelt zu unserer Rechten auftut. Schnellanamnese: Drinnen alte betrunkene Menschen mit lustigen Hüten auf, bunte Girlanden um den Hals und irgendwas am Körper blinkt, draußen Hell’s-Angels-Türsteher. Mehr muss ich nicht wissen. Außer: Wo zur Hölle kommt jetzt ihr Impuls her, da mal rein gehen zu wollen? Es dauert jedenfalls gerade lange genug, die feierwütigen Fackelmanns von diesem Fehler abzuhalten, um die Liebe meines Lebens endgültig aus den Augen zu verlieren.

Wir schmieden neue Pläne. Der Abgleich unserer Interessen mit der Angebotslage der näheren Umgebung ergibt überraschend, dass wir Menschen sind, denen die „Kieler Brauerei am Alten Markt“ gefallen könnte. Kurz darauf betreten wir den hoffnungslos überfüllten Laden und sollen im Eingangsbereich Platz nehmen, um zu warten, bis ein Tisch freigeworden ist. Mein Blick fällt in den Gastraum und auf die Unionerin aus dem Bus, die ebenfalls hier eingekehrt ist. Also ich hätte Zeit, denke ich mir, doch da habe ich die Rechnung ohne den Musikgeschmack des Wirts gemacht. „Die eine, die immer lacht“ ist noch gerade eben so zu ertragen, aber als dann der fließende Übergang zu irgendeiner Helene-Fischer-Geschmacklosigkeit gelingt, ist klar, dass es das eben nun auch nicht wert ist. So deute ich den betrunkenen Werner-Charakter aus dem Bus, das Partyzelt der Förde(r)schüler und die Schlagerqualen einfach als göttliche Zeichen. Vielleicht wollte mich auch irgendeine höhere Macht vor einem Fehler bewahren. Aber bitte, Richard Martin hat Rücken und ich das Doppelzimmer im „Hotel City Kiel“ heute Nacht für mich alleine. Da hätten die Warnungen also auch bis morgen Zeit gehabt…

 

Morgen? Hah! Gestern war heute noch morgen! So schnell haben sich die Rahmenbedingungen also geändert, als um 8.00 Uhr mein Wecker klingelt und die Weiterfahrt nach Flensburg auf dem Programm steht. Dank eines üppigen Abendmahls im „Ratskeller“, das den gestrigen Abend elegant abgerundet hatte, konnte sich die unbändige Traurigkeit über verpasste Gelegenheiten ohnehin gar nicht erst setzen. Stattdessen grassiert nun deutlich spürbare Vorfreude auf ein Regionalligaspiel und auf die Stadt Flensburg, die ich noch nicht kenne und nun gerne besichtigen würde.

Eine Stunde und 14 Minuten später ist der Bahnhof Flensburg erreicht. Der „Carlisle Park“ steht glücklicherweise nicht „under water“, auch wenn einige sympathische Aktivisten laut Stickerkultur die Nazikneipe „Titanic“ gerne versenken würden. Wäre aber eh dienlicher, für dieses sinnvolle Vorhaben einige Eisberge nach Neumünster zu schaffen, anstatt die eigene Stadt zu unterspülen.

Nachdem der Early-Check-In der Fackelmanns misslingt und auf 14.00 Uhr verschoben wird, beginnen wir mit dem Stadtrundgang. Bisschen Kirche gucken, bisschen Fußgängerzone flanieren, bisschen bunte Häuser bestaunen, Neptunbrunnen kreuzen, hier und da deutlich erkennbaren skandinavischen Einfluss feststellen, Smørrebrød- und Fischbrötchenbuden links liegen lassen, am Hafen bummeln, das Flensborghus, das Nordertor von 1595 und die Norderstraße besichtigen. Und weil jede Stadt ihren Superlativ braucht, rühmt sich Flensburg gerne damit, dass eben diese Norderstraße vom New Yorker Reisemagazin „Travel and Leisure“ zu einer „der 18 verrücktesten Straßen der Welt“ gekürt wurde. Grund hierfür ist ein „Shoefiti“, seines Zeichens wohl so etwas wie Aktionskunst, die daraus besteht, dass Menschen ihre ausgelatschten Schuhe (und manchmal BH’s, wenn es irgendwas mit Sexismus zu bekämpfen gilt) über Drahtseile hängen und von Touristen fotografieren lassen. Super crazy – und von FUDU hiermit offiziell: erledigt. Anderthalb Stunden braucht es schon, um der Stadt letztlich das Prädikat „sehr nett“ verleihen zu können und in einer Gaststätte einzukehren.

Im als griechisches Restaurant deklarierten „Café Olympos“ serviert ein türkischer Wirt „mediterranische Spezialitäten“ (sic!) und Currywurst. Als wäre dies nicht schon absurd genug, gibt es in ganz Flensburg offenbar keinen besseren Ort, den man an einem Samstagvormittag als deutscher Wutrentner aufsuchen könnte. So muss sich der arme Südländer also zunächst eine asylkritische Brandrede eines Herren anhören und später sein Ohr einer alten Dame schenken, die mit ihrem Hund in ihrem Stammlokal vorbeigekommen ist, nur um dessen Krankheitsgeschichte zu erzählen und sich darüber zu beschweren, dass die Tabletten gegen Durchfall und das Impfen und die Zähne, die waren ja teurer als ihre eigenen, was das alles kostet, na schönen Dank auch!

Im Anschluss verabschiedet sich „Fackelmannova“ mit dem Laptop in die Bibliothek, um etwas für die Uni zu tun. Wenigstens eine, die noch etwas aus ihrem Leben machen will. Mit der Verabschiedung der Frau endet dann um 12.30 Uhr auch der seriöse Teil des Tages und der „Fackelmann“ und meine Wenigkeit gehen nun dazu über, endlich mit Weiche auf die schiefe Bahn geraten zu können.

„Weiche“ bezeichnet den südwestlichsten Stadtteil Flensburgs an der Grenze zu Handewitt, hat aber durchaus Konnotation mit der Begrifflichkeit aus dem Eisenbahnjargon, schließlich ist der Stadtteil einst nach einer Abzweigung der Flensburg-Tönninger-Bahn (→ „Nordschleswigsche Weiche“) benannt worden. Auch der SC Weiche Flensburg trug bis in das Jahr 2017 den Beinamen „ETSV“. Erst durch eine Fusion mit dem SC Flensburg 08 ist aus dem „Eisenbahner Turn- und Sportverein“ unlängst der SC geworden. Bei all diesen Informationen, die die Herzen unserer Eisenbahnfreunde und Trainspotter sicherlich höher schlagen lassen dürften, darf allerdings nicht vergessen werden, zu erwähnen, dass der Bahnhof Flensburg-Weiche leider 2014 vom Netz genommen wurde und sich in dem ehemaligen Bahnhofsgebäude nun ein chinesisches Restaurant befindet. Hat hier also alles mit Eisenbahn zu tun, gibt eben nur keinen Zugverkehr. Genau mein Humor.

So sitzen wir also gezwungenermaßen in einem Bus der Linie 12, begeben uns auf den Weg hinaus in die „Gartenstadt Weiche“ und folgen dann den Massen in das „Manfred-Werner-Stadion“, das bis 2002 irgendwie anders hieß, wobei das Internet den alten Namen ganz offenkundig vergessen hat und ich an dieser Stelle meiner Chronistenpflicht leider nicht nachkommen kann. Nach den diversen sportlichen Aufstiegen ist auch das Stadion mitgewachsen und verfügt nun seit 2017 über eine recht schöne überdachte Stehtribüne, dazu lädt eine Stadionkneipe hinter einem Tor zum Verweilen ein, während sich hinter dem gegenüberliegenden Tor Brachland befindet. Auf der anderen Längsseite des Spielfeldes hat man eine Stahlrohrtribüne mit blauen Sitzschalen an die Tartanbahn gestellt, auf der sich der geneigte Stadionbesucher die steife Küstenbrise um die Nase wehen lassen kann. 4.000 Plätze hat das Stadion insgesamt, zugelassen ist es in der Regionalliga für 2.500 Menschen. Insgesamt gibt das „Manfred-Werner-Stadion“ also eher ein dürftiges Bild ab, welches nie im Leben 12 € Eintritt rechtfertigt. Wirtschaftlich geschickt entscheidet sich FUDU, einfach zwei ermäßigte Tickets zu je 6 € zu ordern und im Anschluss lieber anderweitig Geld in die Hand zu nehmen und die Stadiongastronomie zu testen. Auf den Einkauf eines Weiche-Adventskalenders im Ausverkauf kann getrost verzichtet werden und auch die Unterschriftenliste zum Bau eines drittligatauglichen Stadions muss leider ohne unsere Signaturen auskommen. Ich darf im Nachhinein aber gerne auf die Existenz dieses Bauwerks hinweisen. Gern geschehen!

Die angekündigten 90% Regenwahrscheinlichkeit haben sich nicht gegen die 10% Wahrscheinlichkeit, dass es nicht regnen wird, durchsetzen können und so verbringen wir weite Teile der ersten Halbzeit auf den Sitzschalen mit Blick auf die Stehtribüne. Die „Küstenlümmel“ sorgen Fahnen schwenkend und mit einer Blockfahne für Gänsehautatmosphäre und auch die Bremer Amateure, bei denen heute Fin Bartels‘ Comeback im Vordergrund steht, werden von einigen wenigen Schlachtenbummlern begleitet. Ein dicker mexikanischer Physiotherapeut der Flensburger schafft es noch gerade eben rechtzeitig, das Spielfeld vor Anpfiff zu verlassen und schon kann’s hier losgehen. Die ersten 20 Minuten sind recht lebhaft und beide Mannschaften verzeichnen erste Torabschlüsse. Dann flacht das Spiel etwas ab, parallel erstarkt der Wind und doch einigermaßen durchgefröstelt zieht es uns zur 40. Minute unter das Dach der Stehtribüne. Dieses ist geschmückt mit dem neuen Logo des Fusionsclubs, das exakt so aussieht wie die Logos von Fußballvereinen in alten PC-Managerspielen aussahen, die keine Lizenzen erwerben konnten oder wollten. Pulle Pfullendorf, olé!

In der Halbzeitpause werden unter den offiziell 922 Zuschauern drei Kästen „Flensburger Pilsener“ verlost und kurz darauf muss die ohnehin schon zu hoch angesetzte Zuschauerzahl um einen weiteren Zuschauer reduziert werden. Nach einem alkoholbedingten Sturz auf der Stehtribüne wird ein Mann von einer Sicherheitsfachkraft unsanfter entfernt als Fettis Borsten im Waxingstudio. Kurz darauf hat Fin Bartels seine Rückkehr nach Achillessehnenriss und 448 Tagen Pause mit seinem Treffer zum 0:1 gekrönt (59. Minute). Bleibt eben eine super faire Sache, das mit den Zweitvertretungen der Bundesligisten. Im Anschluss wird Bartels ausgewechselt und ein anderer Bremer schwingt sich zum auffälligsten Akteur auf. Beste Ecke, Beste Grätsche, Nummer 39 ist halt einfach Beste!

Nach 63 Minuten verzeichnet der SC Weiche Flensburg die erste große Gelegenheit zum Ausgleich und wirft dann Sturmroutinier Tim Wulff in die Schlacht. Kapitän Christian Jürgensen zieht im Luftduell mit Werder-Keeper Plogmann den Kürzeren und bleibt angeschlagen liegen, erhält aber keinen Elfmeter. Das Spiel wird giftiger und die Bubis von Werder Bremen üben sich im Zeit schinden, gestikulieren, lamentieren und verwundet am Boden rollen. Glücklicherweise gelingt Flensburg angesichts dieser Eskapaden der Bremer Möchtgern-Profis dank begünstigender Umstände der Ausgleich. In der 82. Minute steht Göktay Isitan goldrichtig, als ein Bremer Verteidiger ein Luftloch schlägt und wird so zum Nutznießer des Platzfehlers. Sein brasilianischer Mannschaftskamerad Ilídio Pastor Santos hat seine Nerven leider nicht im Griff und muss wegen Ballwegschlagens mit gelb-rot den Platz verlassen, sodass in den verbleibenden acht Minuten der Partie keine Bemühungen mehr unternommen werden, das Spiel zu drehen. So trennen sich beide Mannschaften schiedlich-friedlich mit einem gerechten 1:1 Remis und dem Dorfsheriff, der lässig am Zaun lehnt, droht heute kein Ungemach mehr.

Nach dem Spiel ist der Andrang vor dem einzigen Toilettenhäuschen derart groß, dass es mich auf die Frauentoilette zieht. Sensationell, dass man beim SC Weiche Flensburg daran gedacht hat, den geneigten weiblichen Fußballfans neben den Handwaschbecken auch eine Waschmaschine zur Verfügung zu stellen. Kann ja sein, dass es irgendeine nicht 90 Minuten lang ohne Waschen aushält. Next Level Sexismus? Flensburg spielt sie locker durch!

Etwas schwerer haben es Fetti und seine Freunde da schon im Bus in Richtung Innenstadt, in der sich ein russischstämmiger Endgegner in den Weg stellt. „Das Schleswig-Holstein-Ticket ist in diesem Bus nicht gültig“, raunzt uns Ludmilla entgegen. FUDU reagiert diplomatisch begabt, ignoriert die Frau, setzt sich hin und wähnt sich als Gewinner der „Situ-a-tion“, aber Ludmilla lässt nicht locker, hält den Bus an der nächsten Haltestelle, fordert per Durchsage zur Zahlung auf und droht mit der Polizei. Während ich mich über diese Kopfgeldjägerei echauffiere, hat „Fackelmann“ auf seinem Handy bereits festgestellt, dass die olle Xanthippe auch noch im Recht ist. Da zahlt man 32 € für ein Nahverkehrsticket für eine gottverdammte popelige Stunde Bahnfahrt (also, wenn man jetzt nicht 20 € „Duplo“-Gutscheine gehabt hätte…) und dann muss man für einen bescheuerten Bus der „Aktiv Bus Flensburg GmbH“ noch einmal extra löhnen? Ich versuche nur noch mit letzter Kraft mein gefühltes Recht durch Lautstärke und Pöbelei durchzusetzen, aber irgendwann wächst der soziale Druck der Eingeborenen, die sich auf Ludmillas Seite geschlagen haben, sodass Fetti nichts anderes übrig bleibt, als letztlich klein bei zu geben und der Sowjet-Schrabnelle ein paar Groschen durch die Scheibe zu schmeißen. Сука блядь, verdammtes Schleswig-Hoolstein!

Im Pub „Beefeater“ in der Rathausstraße erholen wir uns schwer gezeichnet von diesem Streit. Service gibt es hier keinen, die Getränke muss man gefälligst selbst an der Hotelbar nebenan bestellen und diese zu seinem Tisch tragen. 0,4 Liter Bier kosten 4,50 €, was deutlich darauf hinweist, dass die Dänen die Preise versaut haben, aber immerhin kann man noch etwas Bundesliga im Fernsehen schauen. Irgendwann ist es dann soweit und die Abfahrt meines Zuges nach Berlin rückt näher, während Familie Fackelmann noch etwas im hohen Norden verweilen wird. Auf Empfehlung der beiden suche ich noch die „Männer Aborte“ am Bahnhof auf und steige dann in den Zug in Richtung Hamburg.

„Wir haben Personen im Gleis und können nur auf Sicht fahren“, verkündet die Zugbegleiterin über die Lautsprecher und kann so immerhin nachvollziehbar erklären, warum wir seit gut zehn Minuten nur im Schritttempo vorangekommen sind. Eine Gruppe spanischer junger Frauen bekommt es urplötzlich mit der Angst zu tun, als eben diese Schaffnerin durch den Zug läuft und nach Tickets fragt. Noch bevor ich ihr meine Frage stellen kann, ob ich den letzten Anschluss in Hamburg noch erreichen werde, sind die Damen auch schon überstürzt in Richtung Bordbistro aufgebrochen. Klar, dass die Zugbegleiterin Verdacht schöpft und die Verfolgung aufnimmt. Am nächsten Bahnhof sehe ich die Frauengruppe am Gleis stehen, die Türen schließen, der Zug setzt seine Fahrt fort. Richtige Eisvogelaktion. Also, wenn man jetzt nicht sein gesamtes Hab und Gut im Zug liegen gelassen hätte. Da kann auch die Zugbegleiterin nur mit dem Kopf schütteln, das erste gefundene Portemonnaie öffnen, die Personalien einer der Damen aufnehmen und die Kollegen der Bundespolizei informieren, die später all die liegen gebliebenen Habseligkeiten an sich nehmen werden.

In Neumünster endet meine Zugfahrt dann jäh. Es bleibt zwar nicht genügend Zeit, um die „Titanic“ zu versenken, aber immerhin genug, um mich während der Wartezeit telefonisch bei einer DB-Hotline zu informieren, wie ich mich verhalten soll, wenn ich irgendwann im Laufe des Abends in Hamburg stranden sollte. Drei Aussagen werden getroffen: Es gibt unter gar keinen Umständen eine Verbindung nach Berlin, das Service-Center in Hamburg wird bei meiner Ankunft auf jeden Fall geschlossen haben und das Hotel möge ich bis 100 € bitte selbst vorfinanzieren und hinterher die Rechnung einreichen.

Um 21.28 Uhr befördert mich dann endlich eine Regionalbahn von Neumünster nach Hamburg. „Nadjuschka“ hat in der Zwischenzeit aus Berlin dankenswerterweise ein „Motel One“-Zimmer in Nähe des Hauptbahnhof für mich gebucht. In Hamburg angekommen, hat das Service-Center natürlich noch geöffnet und bereits Sammeltaxen nach Berlin bestellt. Hotelgutscheine bis zu 80 € werden an all diejenigen verteilt, die das Taxi nicht in Anspruch nehmen wollen und ich darf der guten Frau jetzt erklären, dass man mir am Telefon drei falsche Aussagen mit auf den Weg gegeben hat. Kann man ja nur hoffen, dass das Gespräch zu Qualitätsmanagement-Zwecken aufgezeichnet wurde und der Telefonier-Wicht ein paar Peitschenhiebe erhält.

Nach hundert Jahren Diskussion ist es dann am Ende doch kein Problem mehr, dass ich bereits ein Zimmer gebucht habe und natürlich kann ich unter diesen Umständen die etwas zu hohe Rechnung problemlos einreichen. Mit ein bisschen Beruhigungsbier und ein Abendbrot im Turnbeutel lege ich die letzten 1000 Meter bis zur Unterkunft zurück und zahle die 81,47 € bereitwillig mit meiner Bahncard25 mit Kreditkartenfunktion und erhalte so paradoxerweise nicht nur eine Hotelübernachtung von der Bahn geschenkt, sondern auch noch einige Punkte für die nächste Freifahrt zu einem Auswärtsspiel mit anschließendem Hopping in Posemuckel bei Bumsdorf. Die letzte Frage des Tages, die mich per Textnachricht erreicht, ist dann die einzige dieses Wochenendes, die ich nicht zufriedenstellend beantworten kann. „Wann bist Du denn jetzt zu Hause?“.

Keine Ahnung. Frag die Bahn oder schau in meinem Horoskop, falls Du verbindlichere Infos benötigst. Und mit ein bisschen Glück und nur einer einzigen schicksalhaften Fügung, treffe ich hier morgen am Frühstücksbuffet eh die Unionerin wieder und komme gar nicht mehr nach Hause. Ach, wie sagt man doch so schön in Bremen?
– LE FIN – /hvg