798 798 FUDUTOURS International 21.09.20 13:37:43

24.03.2019 FSV Kali Werra Tiefenort – SG FC Borchfeld 2:1 (1:1) / Waldstadion Kaffeetälchen / 99 Zs.

Am Sonntag steht dann endlich der Höhepunkt der Tour de Thüringen auf dem Programm. Schon seit Wochen steht Fetti in regem Austausch mit dem FSV Kali Werra Tiefenort und es ist nicht von der Hand zu weisen, dass er seitdem von dem einen oder anderen feuchten Traum heimgesucht wurde, in dem das „Waldstadion Kaffeetälchen“ eine Hauptrolle gespielt hatte. Nun ist es endlich soweit und die angestaute Vorfreude auf ein Kreisligaspiel im Wartburgkreis entweicht fröhlich pfeifend auf dem Fußweg zum Bahnhof Eisenach.

Dort steht um 10.16 Uhr die „Süd-Thüringen-Bahn“ zur Abfahrt bereit. Die Schaffnerin kontrolliert mein Eisenach-Bad Salzungen-Eisenach-Erfurt-Berlin-Ticket mit dickem „Zugbindung aufgehoben“-Stempel und einer planmäßigen Ankunft um 22.29 Uhr in der Bundeshauptstadt mit einer gewissen Skepsis. Ihre Fragestellungen „Was ist denn das für eine Fahrkarte?“, „Warum fahren Sie denn hin und her?“ und „Warum brauchen Sie so lange bis Berlin?“ zeigen deutlich, dass auch sie die Buchungsmöglichkeiten der Deutschen Bahn nicht kennt und für diesen Tagesausflug höchstwahrscheinlich das Dreifache gezahlt hätte. Naja, kann eben nicht jeder vom Fach sein.

Knapp 20 Minuten später ist der Bahnhof Oberrhon erreicht. Der Himmel zeigt sich wolkenverhangen und ein leichter Nieselregen hat eingesetzt. Grund genug, einen der Insidertipps aus den vorausgegangenen Konversationen mit dem FSV Kali Werra zu missachten. Sicherlich wäre der empfohlene Waldwanderweg, der von der Haltestelle in ca. 45 Minuten ins Kaffeetälchen führen soll, bei besserem Wetter ein Erlebnis wert gewesen. So aber entscheide ich mich, einfach noch fünf Minuten im Zug sitzen zu bleiben und bis Bad Salzungen durchzustarten. Tiefenort ist schließlich ein Ortsteil von Bad Salzungen und es wäre doch gelacht, wenn sich hier in den kommenden vier Stunden bis zum Anpfiff nicht irgendeine Möglichkeit auftun würde, die 7,5 Kilometer bis zum Stadion mit einem öffentlichen Verkehrsmittel zurücklegen zu können.

Nun aber bleibt zunächst einmal genügend Zeit auf der Uhr, um den Kurort Bad Salzungen zu erkunden. Rund um den Bahnhof herrscht zwar auf einer Großbaustelle Ausnahmezustand, doch glücklicherweise bietet eine letzte freie Wand in einer Fußgängerunterführung gerade ausreichend Platz für ein mehrdeutiges Graffito-Kunstwerk mit Lokalkolorit. „KRISTALLE FÜR ALLE!“ schreit es einem hier entgegen und sicherlich könnte man nun vortrefflich in einem „arte“-Stuhlkreis darüber sinnieren, ob wir es mit kleinkriminellen Methdiener-Phantasien oder aber mit einem tiefgründigen Hinweis auf die hier betriebene Salzgewinnung durch das Gradierverfahren sowie die Salzquellen, die Salzungen eben zum Kurort haben werden lassen, zu tun haben.

Die Frage bleibt zunächst einmal unbeantwortet. Fakt ist jedoch, dass es fußläufig vom Bahnhof gar nicht mehr lange dauert, bis sich das sehenswerte Gradierhaus am Wegesrand auftut. Selbstverständlich liegt es da im Interesse der Stadt, sich als Kurort zu vermarkten und Gäste anzulocken. So kommt Fetti in den Genuss, endlich einmal wieder ein touristisches Informationsbüro betreten zu können. Hier erhält er einen schönen Stadtplan mit all den Sehenswürdigkeiten des Kurorts ausgehändigt und nutzt die Gunst der Stunde, um sich nach einer Busverbindung nach Tiefenort zu erkundigen. Die mittelalte Dame hinter dem Tresen atmet tief ein und richtet die Brille. Mit einem „An einem Sonntag nach Tiefenort? Das ist eine Herausforderung!“ leitet sie das spektakuläre Schauspiel der kommenden Minuten ein. Hochkonzentriert wie ein Hacker, der sich gerade in den Zentralrechner des FBI einschleicht, lässt sie ihre Finger über die Tastatur fliegen, klickt bedächtig auf die Maus, hämmert dann und wann auf die Löschtaste, schüttelt den Kopf, verzieht das Gesicht, beginnt von vorn, um dann am Ende triumphal zu verkünden: „Ich habe einen Bus gefunden!“.

Doch gerade, als sie mir die Verbindung ausdrucken mag, muss sie auch schon wieder kleinlaut zurückrudern. „Oh, halt!“. Der Bus fährt ja leider erst am Montag um 14.18 Uhr.

Eine Stadt, die an einem gewöhnlichen Sonntag im März einen ihrer Ortsteile nicht mit dem öffentlichen Personennahverkehr ansteuert. Ich gebe zu, dass ich aus einer gewissen großstädtischen Überheblichkeit heraus nicht mit einer solchen Eventualität gerechnet habe und lasse ungeahnt die nächste arrogante Frage folgen. „Okay, kann man nichts machen. Dann markieren Sie mir doch bitte auf dem Stadtplan, wo ich den nächstgelegenen Taxistand finde!“.

Die Frau räuspert sich erneut und setzt die Brille wieder ab, um dann etwas verschämt zu Boden zu gucken. „Wir haben in Bad Salzungen leider keinen Taxistand“. Da sie aber weiterhin serviceorientiert bleibt, händigt sie mir immerhin die Rufnummern all der Taxiunternehmen aus der näheren Umgebung aus, bei denen ich später mein Glück versuchen könnte und versieht die Übergabe noch mit einem Warnhinweis. Der Landkreis sei doch recht groß und je nachdem, wie weit die Anfahrt des Taxiunternehmens nach Bad Salzungen ausfällt, desto höher wird sich der Preis für die eigentlich recht kurze Fahrt nach Tiefenort gestalten. Bis zu 35 € sollte ich schon einplanen – und dem rumänischen Kassenwart verkrampft die Magengegend. Da schickt er Fetti e i n m a l in die Kreisliga, um das Budget zu schonen und trotzdem stellt das dumme Schwein hinterher Spesenrechnungen auf Champions-League-Niveau.

In Folge dieser wenig verheißungsvollen Informationen klappere ich mit meinem Stadtplan die übriggebliebenen Sehenswürdigkeiten mit einem Lächeln im Gesicht ab. Schon recht absurd, dass es einem auf seinen Fußballreisen gelungen ist, nach Streit mit Zugbegleiterinnen in überfüllten Regionalbahnen ohne Ticket mitzufahren (Litauen) und Mietautos von dubiosen Gestalten auf offener Straße zu chartern (Rumänien), um alle geplanten Spiele sehen zu können. Aber auf einer viertägigen Tour de Thüringen an infrastrukturellen Hürden scheitern – damit konnte nun wirklich niemand rechnen.

Heerscharen von Rentnern tummeln sich rund um den Burgsee, an dessen Ufer eine Rehaklinik malerisch gelegen ist. Auch in den schmalen Altstadtgassen sieht sich Fetti einer nicht enden wollenden Rentnerschwemme ausgesetzt und inmitten dieses Geriatrie-Trubels fälle ich den Entschluss, einfach einen Hilferuf an meine Facebook-Freunde von Kali Werra zu senden. Noch heute Morgen um 6.00 Uhr hatten diese mir eine Nachricht geschickt und mich in dieser darum gebeten, dass ich mich bitte später am Kiosk erkenntlich machen solle, damit sie mir ein Bier ausgeben können. Als hätte es noch mehr Punkte auf der Sympathieskala gebraucht, lässt die Antwort auf meine Mitteilung, ich sei einigermaßen hilflos in Bad Salzungen gestrandet, auch nicht lange auf sich warten: Um 13.20 Uhr wird mich ein grauer VW Tiguan am Bahnhof einsammeln und mich ins „Waldstadion“ fahren!

Wir verabreden uns vor dem „sky“-Schild der „Sportsbar Moritz“ in der Bahnhofstraße, um gemeinsam ein Zeichen gegen den modernen Fußball zu setzen. Um Punkt 13.20 Uhr fährt der VW dann auch tatsächlich vor. Am Steuer sitzt ein junger Mann, seines Zeichens Ersatztorwart des FSV Kali Werra und neben ihm seine Mutter, die ihn aufgrund der Bestimmungen des § 48a FeV beim Fahren zu begleiten hat (Urlaub in Deutschland – da können ein paar Paragraphen nicht schaden!). In einem charmanten Smalltalk berichtet sie ausgiebig von einem Familien-Wochenendurlaub in Berlin und schwärmt in erster Linie über den Besuch des Schloss Sanssouci (… das ja bekanntermaßen mit Abstand das schönste Schloss der Bundeshauptstadt ist!), als er sich plötzlich umdreht und mit einem „…aber An der Alten Försterei war’s tausend Mal geiler!“ dem Gespräch einen angenehmen Impuls verleiht. Es habe ihm in Coepenick so gut gefallen, dass er auf die Idee gekommen ist, auf der Facebook-Seite Unions Werbung für Kali Werra und das „Kaffeetälchen“ zu schalten, als er auf das Freundschaftsspiel in Erfurt aufmerksam geworden ist. Ob er damals wohl bereits geahnt hat, dass er hierdurch selbst verschuldet eines Tages Fetti durch Bad Salzungen chauffieren werden muss?

Angekommen am Stadion werde ich sogleich von dem nächsten freundlichen Menschen in Empfang genommen. Ich bekomme das „versprochene“ Willkommensbier in die Hand gedrückt und eine kleine Führung durch das Funktionsgebäude, welches mit Fotos, Wimpeln und anderen Relikten vergangener Tage liebevoll dekoriert ist. Die BSG Kali Werra Tiefenort konnte sich immerhin 21 Spielzeiten (!) in der zweithöchsten Liga der DDR halten – da gibt es wahrlich die eine oder andere Anekdote von „früher“ zu erzählen!

Im Anschluss zeigt man mir voller Stolz das „Waldstadion“, welches seit 1966 über den heute faszinierenden Ausbau verfügt und einst bis zu 8.000 Zuschauern auf seinen mächtigen Natursteintribünen Platz bot. Und das, obwohl Tiefenort, das erst 2018 in die Stadt Bad Salzungen eingegliedert wurde, nicht einmal 4.000 Einwohner vorzuweisen hat. Mit den schiefen Steinstufen, den alten Holzbänken und seiner Lage mitten im Wald, stellt es heute ein echtes Kleinod in der deutschen Stadionlandschaft dar. Schön, dass die Akteure des heutigen FSV Kali Werra diese Stadionperle zu schätzen wissen und das Erbe voller Leidenschaft pflegen und ganz offensichtlich auch nachfolgende Generationen hierfür begeistern können. Unabhängig davon, dass man den sportlichen Absturz seit der Wende, der Hand in Hand mit dem Niedergang des Kalibergbaus ging, leider nicht abwenden konnte.

Vor Anpfiff der Begegnung bleibt mir genügend Zeit, ein wenig durch das angrenzende Werratal zu schlendern, die himmlische Ruhe zu genießen und Blicke in die unendlichen Weiten der Landschaft zu werfen. Einige Meter später stößt man auf einen Zeppelinstein, der an ein Unglück des Jahres 1917 erinnert, als ein Marine-Luftschiff auf dem Rückweg nach Kriegseinsatz in England hier in 7500 Metern Höhe (womit Tiefenort indirekt auch einen Weltrekord hält…) in Schwulitäten geraten war und notlanden musste. Natürlich sehr traurig, dass der zwei Fußballfelder lange Koloss, ein Meisterwerk teutonischer Ingenieurskunst, im Anschluss abgewrackt werden musste. Erst andere Länder angreifen und dann rumjammern. Mein Mitleid hält sich in Grenzen.
Spannend bleibt da nur noch die Klärung der Frage, wie Kommandant Hans-Curt Flemming (gestorben 1935) bei der Einweihung des Gedenksteins im August 1937 persönlich anwesend sein konnte. Diese unkaputtbaren Deutschen damals. Zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl, einfach nicht tot zu kriegen!

Nun aber endlich Fußball. Der gute Mann, der mir eben Stadion und Vereinsgeschichte näher gebracht hat, hat in der Zwischenzeit seine Kasse aufgebaut. Ich muss ihn mehr oder minder dazu zwingen, mir 3 € Eintritt abzunehmen. Der Senior neben mir bemerkt süffisant, dass die Spieler der Kreisligamannschaft im Laufe der Saison offenbar die Fangnetze zerschossen haben, während die Tornetze allem Anschein nach unversehrt geblieben sind. Da weiß ich dank der Stadionführung schon längst, dass es sich um Sturmschäden aus der vergangenen Woche handelt und auch die Geschichte des Rasens, der noch aus Liga-Zeiten stammt und sich mittlerweile in bemitleidenswertem Zustand befindet, ist mir bekannt. Im trockenen und heißen Sommer 2018 hatte der Verein mehrere Tausend Euro aufgebracht, um das Feld in Eigenregie möglichst oft wässern zu können – scheinbar jedoch ohne durchschlagenden Erfolg. Die Hoffnungen ruhen nun auf der Stadt Bad Salzungen, zu der die Sportstätte seit Januar 2019 offiziell gehört. Sollte hier etwas Geld zur Sanierung des „Kaffeetälchen“ bereitgestellt werden, würde sich sicherlich auch der charmante Trainingsplatz neben dem Hauptfeld über etwas Zuneigung freuen…

Nachdem ich als weit gereister Gast diverse Hände geschüttelt habe und die Entschuldigung, dass es heute nur Bock- und keine Grillwurst gibt, da sich für den Spieltag nicht genügend ehrenamtliche Helfer gemeldet haben, gerade so annehmen kann, eröffnet Schiedsrichter Boronowski die Partie. Vor 99 zahlenden Zuschauern muss der junge Mann mit Brille heute ohne Hilfe von Schiedsrichterassistenten auskommen.

Das 1:0 gelingt den Hausherren nach gerade einmal sieben Minuten Spielzeit und schon hat es sich für Kali Werra bezahlt gemacht, dass in dieser Liga ohne Linienrichter gespielt wird. Aus stark abseitsverdächtiger Position gestartet, sitzt der Querpass des Außenspielers dann letztlich perfekt. Stark bedrängt kann Marcus Preißel den Ball am zweiten Pfosten über die Linie drücken und bleibt dann schmerzerfüllt am Boden liegen. Markerschütternde Schreie hallen durch das „Kaffeetälchen“ und schnell ist klar, dass hier etwas schlimmeres passiert sein muss. Wie die aufgescheuchten Hühner irren Ersatzspieler und Mannschaftsbetreuer durch die Gegend, um eine Decke zu beschaffen, einen Notarzt zu rufen und letztlich den jungen Ersatztorhüter zu bitten, eine Trage zu organisieren. Taxifahrer für Hopper, Sanitäter in der Not – er ist der Mann, der alles kann!

15 Minuten später ist Preißel von seinen Mannschaftskameraden offenbar mit einer Armverletzung vom Platz gebracht worden und das Spiel findet seine Fortsetzung. Kaum ist der Wiederanpfiff erfolgt, scheppert es erneut. Nun ist es Tiefenorts Spieler Jantzen, der ordentlich was auf die Socken bekommen hat und sich am Boden windet. Das wirklich üble Einsteigen des Gegenspielers lässt der unerfahrene Schiedsrichter Boronowski gänzlich ungesühnt, während im Hintergrund der RTW gut 25 Minuten nach erfolgtem Notruf gemächlich den Hang hinunterrollt und vor dem Stadion Halt macht.

Auch in Folge bleibt das Spiel zerfahren, regelrecht wild und immer wieder scheppern die Akteure recht unbeholfen ineinander, wobei auch das schwer zu bespielende Geläuf seinen Beitrag an dem niveauarmen Geknüppel leistet. So gibt es auch weiterhin wesentlich mehr Foulspiele als gelungene Spielzüge oder gar Torchancen zu notieren. Nur einmal wird es aufregend, als Gästekeeper Hannes Veit einen der vielen harmlosen Weitschüsse aus der Hand rutschen lässt und emotional die Frage diskutiert wird, ob sich der Ball eventuell hinter der Torlinie befunden hat. Ein Linienrichter hätte eventuell auch hierzu eine andere Meinung gehabt als der Unparteiische. So aber bleibt es vorerst beim 1:0. Das 2:0 verpasst Kali Werra kurz vor dem Pausenpfiff – Scharfenberg legt mustergültig quer auf Römhild, der Ball holpert durch den Strafraum-Acker wie ein Wartburg über Geschwindigkeitshügel in der Spielstraße und der letzte Maulwurf auf der Buckelpiste macht der Chance dann endgültig den Garaus. Platzfehler aus der Hölle. Da kann man aus gefühlten fünf Metern schon einmal das leere Tor verfehlen, ohne jedwede Schuld daran zu tragen. Als wäre all das nicht schon ärgerlich genug gewesen, gelingt den Gästen aus Borchfeld in der Nachspielzeit nach einem Freistoß auf den langen Pfosten auch noch der Ausgleich. Aus dem Gewühl heraus quält Andy Klinzing den Ball mit dem kahlgeschorenen Haupt irgendwie über die Linie.

Es ist mittlerweile kurz nach 16 Uhr geworden. Zur besten Kaffee&Kuchen-Zeit jagt man in Tiefenort „Antenne Thüringen“ mit all den musikalischen Ausfallerscheinungen und diesen fröhlich-beschwingten Moderationen über den Äther, die man genau jetzt vor dem geistigen Auge hat. Müssen wir jetzt alle durch.

Wesentlich schöner ist da der erste Angriff Kali Werras nach Wiederanpfiff. Der Gast aus Borchfeld (oder Immelborn, schenkt man den Aufwärm-Shirts Glauben) ist noch nicht wieder richtig sortiert, steht hinten zu offen und wird durch einen blitzsauber vorgetragenen Spielzug überrascht. Wunderbar kombiniert, die Abwehr ausgespielt, den finalen Pass an den Mann gebracht – 2:1 durch Jantzen nach 49 Minuten. Wenn Fußball in der Kreisliga doch bloß immer so aussehen würde…

Der Rest des Spiels sieht dann aber leider wieder so aus, wie Kreisliga eben aussieht – mal abgesehen von dem ansprechenden Ambiente drumherum. Viel Stückwerk, viele Missverständnisse, aber eben auch viel Leidenschaft und sportlicher Ehrgeiz. Während einige Kinder den Hintertorhügel zum Spielplatz umfunktioniert haben, diesen quietschfidel herunterrollen und die Nerven von Kali-Werra-Keeper Matthä auf eine Zerreißprobe stellen, ist nach 75 Minuten auf dem Platz das letzte Pulver verschossen. Nach einer letzten Gelegenheit für Kali Werra in Folge einer abgefälschten Ecke gibt es nun nur noch Gezeter und Gemecker zu goutieren, in dessen Irrungen und Wirrungen der Schiedsrichter-Bubi nun völlig die Übersicht verliert und sich vom Gästetrainer widerstandslos als „Halbaffe“ und „Spast“ beschimpfen lässt.

So geht das Spiel also ausschließlich mit verbalen Auffälligkeiten zu Ende. Die Spieler des FSV Kali Werra zieht es anlässlich der Feierlichkeiten des 2:1 Heimsieges schnell in die Kabine und so langsam drängelt die Zeit bis zur Abfahrt meines Zuges in Bad Salzungen ein wenig. Ich wende mich noch einmal vertrauensvoll an den „Manager“ und frage diesen um Rat, ob er mir eines der vielen Taxiunternehmen für die baldige Rückfahrt empfehlen kann. Natürlich müsse ich mir kein Taxi organisieren, da sich sicherlich jemanden finden lässt, der mich zum Bahnhof fahren wird, sprach er und verschwand.

Keine zehn Minuten später werde ich von drei Spielern der Gästemannschaft begrüßt. Gerne nehmen mich diese in ihre Fahrgemeinschaft auf und befördern mich freundlicherweise zum Bahnhof, um mir auf der Fahrt Erfolgsgeschichten des „Dorfclubs“ aus Borchfeld/Immelborn zu erzählen und beispielsweise die regional sehr erfolgreiche Jugendarbeit des Vereins zu thematisieren. Ach, wenn sogar schon die Gäste gastfreundlich sind, dann ist wohl der Höhepunkt der Tour de Thüringen erreicht…

In Eisenach schlägt sich Fetti im „Orient Grill“ schnell den Wanst voll und erreicht dann noch gerade eben so rechtzeitig das Bahnhofsgebäude, um mitzubekommen, dass der ICE von Eisenach nach Berlin 40 Minuten Verspätung aufweist und in wenigen Augenblicken in der Wartburgstadt einrollen wird. Dank der aufgehobenen Zugbindung ist die Entscheidung schnell getroffen, in das Glück namens Direktverbindung zu springen, sich den Umweg via Erfurt zu sparen und bereits eine Stunde vor der eigentlichen Planung wieder zu Hause zu sein. Positiver Nebeneffekt: So bleibt nicht mehr genügend zeitlicher Spielraum, um sich im „Reisemarkt“ mit drei „Beck’s“ zum Preis von Zweien einzudecken…

Völlig unbebiert kehrt Fetti im Bordbistro ein und lässt die Tour de Thüringen in der rollenden Kneipe Revue passieren. Man kann also auch etwas erleben, wenn man Urlaub in Deutschland macht, denkt sich Fetti, als er plötzlich wie von der Tarantel gestochen feststellt, dass er den Sinn des Soldatenseins noch immer nicht erfasst hat. Wie auch, wenn man die Lektüre noch vor dem Kapitel „Von der Beherrschung der Waffe“ aus zeitlichen Gründen hatte abbrechen müssen. Zwei-Drei Bier und Klicks später hat Fetti seine Bibliothek erweitert und das Meisterwerk bei „ebay“ bestellt. Na, da bin ich ja mal gespannt, wie das an der Grenze wohl ausgehen wird…

 

Am 29.03. hole ich einen dicken Umschlag aus meinem Briefkasten und bin ob der Absenderadresse etwas irritiert. Meine Freunde aus Tiefenort haben mir geschrieben? Einerseits freue ich mich über die nächste nette Geste, doch zeitgleich gerate ich etwas in Unruhe, woher die engagierten Herren wohl meine Adresse haben mögen. Und bereits während ich so das Treppenhaus hinauflaufe und grübele, an welcher Stelle ich wieder unbedarft meine Daten verramscht habe, öffne ich die Sendung und muss dann doch etwas schmunzeln. „Vom Sinn des Soldatenseins“. Zwischen Bordbistro und Arbeitsalltag ist diese wahnwitzige Bestellung irgendwie in Vergessenheit geraten. In meiner Wohnung angekommen, schlage ich die erste Seite auf. „Ein Ratgeber für den Soldaten“. Enttäuschung keimt auf. Wie jetzt? Nur für den Soldaten?

Fetti seufzt im Hintergrund. Noch in Eisenach war er waschechter Grenzer gewesen und nun hat er für dieses schändliche Downgrade im Online-Auktionshaus 2,75 € berappt. Hinfort mit dem Schund für das einfache Fußvolk! Da würde man sich ja glatt wünschen, man würde diese Randanekdote bis zur Fertigstellung des Berichtes ebenso vergessen, wie die getätigte Bestellung an sich. Aber keine Chance, denn die Notizen, die bleiben bestehen – und die Datei, die Datei, die hat immer Recht! /hvg