911 911 FUDUTOURS International 30.03.20 15:15:01

09.09.2018 SC Borsigwalde 1910 – Charlottenburger FC Hertha 06 1:0 (0:0) / Sportplatz Tietzstraße / 70 Zs.

Ganz gleich, ob Celtic Glasgow, Ajax Amsterdam oder Eintracht Wandlitz. In diesem Blog gebührt jedem Spiel die gleiche Aufmerksamkeit. In jüngster Vergangenheit haben es zwei Spiele dennoch nicht auf dieses Portal geschafft, weil die „Stadionerlebnisse“ dermaßen enttäuschend waren, dass ich die Besuche jeweils zur Halbzeit abgebrochen habe. Beim Freundschaftsspiel FC Polonia Berlin gegen Stal Szczecin fehlten am Borsigturm polnisches Bier, polnische Wurst vom Grill, Polinnen und Pyrotechnik, beim gestrigen Pokalderby zwischen dem RFC Liberta und den Füchsen in der Scharnweberstraße schlichtweg jedwede Derbystimmung und Spannung. Nun versuche ich es also innerhalb kürzester Zeit ein drittes Mal mit dem Randbezirk Reinickendorf. Ob man in der ersten Paul-Rusch-Pokal-Hauptrunde zwischen dem Bezirksligisten aus Borsigwalde und den Charlottenburger Oberligakickern wohl auf seine Kosten kommen wird?

Hoffnungen auf eine Sensation sind durchaus berechtigt, schließlich hatten die tapferen Borsigwalder in der Saison 2015/16 schon einmal das Kunststück fertiggebracht, einen Oberligisten auszuschalten. Damals – fast auf den Tag genau vor drei Jahren – wurde der BSV Hürtürkel auf deren Platz mit 2:1 in die Knie gezwungen. In der „Fußball-Woche“ wurde Harald Briege damals mit den Worten zitiert: „Wir reißen jetzt vor Freude unser Vereinsheim ab“ und auch das Titelbild der Zeitschrift gehörte damals dem SCB.
Funfact am Rande: Darüber hinaus haben die Herthaner statistisch gesehen alle Pokalspiele auf Reinickendorfer Boden verloren, welche von mir besucht worden sind. Kann also rein gar nichts mehr schiefgehen.

So es denn gelingt, die erste Hürde zu meistern: Mein Vater ist als Stammgast des Sportplatzes einigermaßen geschockt, dass der gastgebende Verein heute eine Eintrittszahlung verlangt. An der Kasse sitzt eine Dame, die aktuell einen Englischkurs bei meiner Tante belegt und ich erinnere mich plötzlich wieder daran, warum ich hier einst die Flucht ergriffen habe. Immer wieder faszinierend und erschreckend zugleich, wie viel Dorf sich hier und da doch inmitten der Großstadt versteckt hält. Nach zäher Verhandlungsphase wird uns immerhin ein Sonderpreis errechnet, wobei wir der Dame schon etwas unter die Arme greifen müssen, dass zwei ermäßigte Tickets und ein gratis Eintritt insgesamt 5,00 € ergeben und nicht etwa 7,50 €. Als dann auch noch die beiden ersten Wechselgeldversuche kläglich scheitern, wird eines klar: Hätte die Dame mal lieber einen Mathekurs bei meiner Tante gebucht…

In der letzten Saison hatte sich der SC Borsigwalde 1910 übrigens ebenfalls für die erste Hauptrunde qualifiziert, durfte an dieser dann allerdings nicht teilnehmen, weil im Qualifikationsspiel gegen Normannia ein nicht spielberechtigter Akteur eingesetzt worden war.

Nach der einjährigen Pokal-Zwangspause sind die Borsigwalder heute von der ersten Sekunde an hellwach und sehr präsent im Spiel. Mit jeder Menge Kommunikation in den eigenen Reihen, positiver Körpersprache, harter Zweikampfführung und gegenseitiger Motivation bringen die Spieler des Underdog jede Menge Feuer in die Partie. Zwei erste Kopfballchancen nach der ersten Viertelstunde geben den Borsigwaldern weiteren Rückenwind. Auch nach einer halben Stunde haben die Gäste aus Charlottenburg noch nicht in das Spiel gefunden. Sebastian Ghasemi-Nobakht, 34 Jahre alt, einst für die SpVgg Greuther Fürth in der 2. Bundesliga (12 Einsätze, zwei Tore) und in der dritthöchsten Spielklasse für Fürth und Ahlen aktiv (34 Einsätze, fünf Tore), wird von Sekunde zu Sekunde unzufriedener. Genau wie der mitgereiste Schlachtenbummler neben uns reibt er sich in Diskussionen mit dem Schiedsrichter auf und schimpft immer ausgiebiger über seine eigenen Mitspieler. So richtig fruchten diese Ansagen aber nicht – bis auf einige Abschlüsse aus zweiter Reihe und einer Direktabnahme über das Tor, gibt es nicht viel zu notieren. Stattdessen ist es der Bezirksligist, der nach 33 Minuten beinahe in Führung gehen kann, doch eine Doppelchance bleibt leider ungenutzt. Einmal reagiert Keeper Braunsdorf glänzend, den Nachschuss schiebt der heran eilende Borsigwalder neben den Kasten. Nun ist es auch bei Hertha-Coach Murat Tik mit der Ruhe vorbei und er geht lautstark ins Gericht mit seinen Mannen. Nach Abpfiff des ersten Spielabschnitts holt er sich vom souveränen Schiedsrichter die gelbe Karte wegen Ballwegschlagens ab. Zufriedenheit sieht anders aus…

In der Halbzeitpause wird das umfangreiche Speisen- und Getränkeangebot des Vereinsheims, welches den legendären Sieg von 2015 also glücklicherweise überstanden zu haben scheint, getestet und für sehr gut befunden. Da kann sich manch ein höherklassiger Verein durchaus eine Scheibe abschneiden. Von der sonnigen Terrasse aus hat man besten Blick auf das Spielfeld, um das sich auf beiden Längsseiten nur wenige Zuschauer versammelt haben. Die meisten Besucher des Sportplatzes sitzen hier bei einem Gläschen Bier und harren der Dinge, die in der zweiten Halbzeit noch so kommen mögen.

Auch zu Beginn der zweiten Hälfte kann Borsigwalde zunächst an den großen Auftritt der ersten 45 Minuten anknüpfen. Dann erlangt der Favorit aber nach und nach Oberwasser. In der 53. Minute klärt Borsigwalde nicht klar genug, den Querschläger im Strafraum versemmelt der Charlottenburger Angreifer aber kläglich, anstatt ihn mit etwas mehr Übersicht noch einmal quer zu legen. Die Borsigwalder werfen sich in alle Schüsse und verteidigen mit Mann und Maus – in der 60. Minute wird so ein Erfolg versprechender Abschluss des CFC gerade so geblockt, als der Torwart schon in die falsche Ecke unterwegs war. Als Ayvaz‘ Flachschuss aus 16 Metern nur knapp neben das Tor streicht, zieht sich der Strick langsam zu. In der 69. Minute scheitert Stoßstürmer Cakir am Pfosten und nach 75 Minuten muss man durchaus konstatieren, dass Borsigwalde hier mit dem Rücken zur Wand steht. Nach 30 Minuten ohne eigenen Ballbesitz in der gegnerischen Hälfte gelingt dann endlich die erste Entlastung und um ein Haar hätte der Konter den Spielverlauf auf den Kopf gestellt, doch nach der Hereingabe und dem „Tip-In“-Versuch des Angreifers fehlen nur wenige Millimeter zur faustdicken Überraschung. Ghasemi-Nobakht holt sich mittlerweile die Bälle tief aus der eigenen Hälfte, um diese nach Vorne zu treiben. Je weniger Zeit auf der Uhr verbleibt, desto hektischer werden die Charlottenburger und auch der eine oder andere Verzweiflungsschuss des Ex-Profis aus teilweise über dreißig Metern verfehlt sein Ziel deutlich.

Die Zeit spielt den Borsigwaldern weiter in die Karten. Es sind nur noch wenige Minuten zu spielen, den Herthanern fällt nicht viel ein. Borsigwalde kloppt den Ball noch einmal weit in die gegnerische Hälfte, auf der rechten Außenbahn wird der Borsigwalder Flügelstürmer gestellt und mit drei Mann bedrängt. Hertha will schnellstmöglich den Ballbesitz wiedererlangen, um noch einen letzten Angriff fahren zu können. Aus der Not heraus schlägt der Außenbahnspieler den Ball weit und hoch in Richtung Hertha-Tor. Schlussmann Braunsdorf unterschätzt den Ball, der sich am zweiten Pfosten senkt, wo sich der wohl kleinste Spieler auf dem Spielfeld, Michael Wolynski, in die Höhe schraubt und den Ball in die Maschen nickt (90+1). Die gut 70 Zuschauer rasten nun regelrecht aus, es gibt kein Halten mehr. Das erste Mal, dass an einer Sportplatzreling derart frenetisch in Fettis Anwesenheit gefeiert wurde. Bierduschen auf Kunstgras, eine jubelnde Spielertraube, die Wolynski unter sich begräbt, einfach nur Fußballemotionen pur. Erst als Wolynski aus dieser Traube wieder auftaucht, erhält er die gelbe Karte. Dabei war das vor Pathos nur so triefende und überaus stilsichere Polska-Shirt, welches er jubelnd gezeigt hatte, nun wirklich keine Bestrafung wert. Wolynski, der aus der Jugend von Pogon stammt, war übrigens 2015 von Stal Szczecin nach Borsigwalde gewechselt.

Den Nachmittag lasse ich mit meinen Eltern auf der Terrasse des Vereinsheims ausklingen. Am Nachbartisch sitzt Gästetrainer Tik mit seinem Assistenten. Beide rühren niedergeschlagen in ihrem Kaffee herum und werten die Niederlage aus. Das unvermeidliche „fupa“-Interview lässt Tik sichtlich angenervt über sich ergehen, zeigt sich aber auch hier als fairer Sportsmann, der den couragierten Auftritt des Bezirksligisten herausstellt, während die Borsigwalder Spieler nebenan die Kabine abreißen.

Wie schon im Jahr 2015 wird das Titelbild der „Fußball-Woche“ am Montagmorgen dem SC Borsigwalde gehören. „Die Sensation der ersten Pokalrunde“ sei möglich geworden, weil „wir einen Sahnetag hatten“, darf Harald Briege, dritter Vorsitzender des Clubs, auch dieses Mal nicht mit seinen Worten fehlen. Und so schließt sich dann wohl endgültig der Kreis für diesen Bericht über ein Reinickendorfer Fußballspiel, welches zu jeder Sekunde ein Genuss war… oder eben ein „Sahnetag“ für Fetti! /hvg