295 295 FUDUTOURS International 16.04.21 01:46:05

11.06.2019 Italia U20 – Україна U20 0:1 (0:0) / Stadion Miejski w Gdyni / 7.776 Zs.

Zweieinhalb Tage liegen zwischen dem besuchten Viertelfinal- und dem heutigen Halbfinalspiel in Gdynia. In der Zwischenzeit habe ich mich etwas über die Stadt belesen und mir vor Ort ein eigenes Bild machen können. Diejenigen, die jetzt große Ängste hegen, ich würde nun mit einem dreiseitigen Aufsatz über die Sehenswürdigkeiten der Stadt daherkommen, kann ich beruhigen. Kürzen wir die Sightseeing-Komponente doch einfach mit einem kurzen Hinweis auf die Historie der Stadt ab: 1939 von den Nazis besetzt, die Einheimischen vertrieben, den Ort in „Gotenhafen“ umbenannt (weil der eigentliche deutsche Name „Gdingen“ nicht mehr deutsch genug war) und von einem Badeort in einen wichtigen Stützpunkt der U-Boot-Flotte und Kriegsmarine verwandelt, wurde die Stadt gegen Ende des Krieges durch britische und US-amerikanische Luftangriffe folgerichtig nahezu vollständig zerstört. In direkter Nachbarschaft zur „Willa Rybitwa“ befand sich einst das örtliche Büro der Danziger Zweigstelle der Gestapo. Nachvollziehbar, dass man von so einer Stadt nicht viel übrig gelassen hat. Dieses traurige Schicksal sieht man Gdynia noch heute an – viel Beton, viel Zweckmäßigkeit, wenig alte Bausubstanz, trostlose sozialistische Kunst. Hier kann man sich bedenkenlos darauf konzentrieren, sich an den Strand zu legen, Menschen zu beobachten und sich der guten polnischen Küche zu widmen.

So spielt sich also ein Großteil meines Urlaubs am Meer ab und während meiner Sauf- und Fressgelage in den Büdchen entlang des „Park Rady Europy“ stelle ich fest, dass Gdynia eine recht sportbegeisterte Stadt zu sein scheint. Neben dem Halbmarathon, der alljährlich im Frühjahr in Gdynia stattfindet, fiebern Jung und Alt in diesem Jahr offenbar einem ganz besonderen Event entgegen. Vom 27.-30.06. finden die „Obstacle Course Racing European Championships 2019“ (kurz: OCREC) an Ort und Stelle statt und hierfür muss man ganz offensichtlich tagtäglich rund um den Strand trainieren gehen. Es handelt sich schließlich um einen Extremhindernislauf, der von den Athleten Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit, Schnelligkeit, Geschicklichkeit, Balance und Koordination einfordert, erklärt mir „Wikipedia“, während mir der Kellner des „Kandelabry“ eine mit Wurst gefüllte Schweineroulade serviert. Etwas mehr Bewunderung als diese Extremsportler entlockt mir da schon ein älterer Herr, der gerade durch den Park joggt, als ihn seine Freunde von der Terrasse des Lokals grüßen. Der Amateursportler lässt sich nicht zwei Mal bitten, passt seine Joggingroute an, nähert sich dem Tisch seiner beiden Kumpels an und verfällt dann während eines Gesprächs in diesen albernen Tippelschritt-Modus, wie man ihn von urbanen Joggern kennt, die sich an roten Ampeln warm halten müssen. Doch noch nie habe ich einen tippelnden Jogger beobachten dürfen, wie dieser in einer einzigen fließenden Bewegung einen halben Liter Bier mit seinen Jungs auf Ex trinkt, bevor er seine Joggingrunde fortsetzt. Die Goldmedaille geht auf jeden Fall an Paweł Piwowicz – da können die anderen „Sportler“ aber allesamt einpacken!

Glücklicherweise tun sich aber über den Müßiggang hinaus dann doch noch zwei-drei andere Attraktionen auf. Entlang der Südmole (Molo Południowe) gibt es neben einem charmanten Ostblock-Aquarium auch Auftrags-Streetart gegen Stereotypen sowie ein Museumsschiff (ORP Błyskawica) und ein mächtiges historisches Segelschiff (Dar Pomorza) zu bewundern. Auch die „Allee der Passagierschiffe“ (Aleja Statków Pasażerskich odwiedzających Gdynię), welche an all die Kreuzfahrtschiffe aus aller Welt erinnert, die in Gdynia eingelaufen sind, kann man mal entlang flanieren, ohne dass es weh tut. Als Highlight wäre aber vermutlich die „Mole von Orlowy“ (Molo w Gdyni Orłowie) und das dazugehörige Fischerdörfchen in diesen Reisebericht eingegangen, hätte mir das Wetter keinen Strich durch die Rechnung gemacht. So wird in erster Linie der gut einstündige Spaziergang am Ufer inklusive Blick auf die majestätische Klippe des Naturschutzgebietes „Kępa Redłowska“ in Erinnerung bleiben, doch gerade als die 180 Meter lange Mole am Horizont auftaucht, verdunkelt sich der Himmel wieder einmal schlagartig. Aus sicherer Distanz schieße ich ein schnelles Foto und sehe zu, dass ich schleunigst den Rückweg antrete. Der Hinweg über Stock und Stein war bereits ohne Gewitter und Sturmböen beschwerlich genug und nach meinen bisherigen Erfahrungswerten mit dem Juni-Wetter in der Danziger Bucht kann es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis hier die Welt erneut untergeht. Meine Unterkunft erreiche ich zwar nicht gänzlich trockenen Fußes, doch als ich nur wenige Minuten nach meiner Ankunft in den heimischen vier Willa-Wänden eine Warnung in Form einer SMS erhalte, kann ich nur erahnen, was hier im Laufe des Abends noch auf mich zukommen wird und ich schätze mich glücklich, rechtzeitig genug zu Hause angekommen zu sein. In der Textnachricht werden Windstärken jenseits von Gut und Böse genannt und die dringende Empfehlung ausgesprochen, die Wohnung nicht mehr zu verlassen, um nicht von Bäumen oder herabfallenden Dachziegeln erschlagen zu werden. Ich antworte auf diese Nachricht, bedanke mich auf diesem Wege herzlich bei meiner Gastgeberin für diese rührende Fürsorglichkeit, schalte den Fernseher ein und mache es mir halt mit dem Finale der „Nations League“ in meinem Zimmer gemütlich. Es spielt Portugal gegen Nederland und als TV-Experten hat der polnische Sender ernsthaft Artur Wichniarek ausgegraben, um die Bedeutung des Spiels noch einmal zusätzlich zu illustrieren. Schade, dass Piotr Reiss keine Zeit hatte…!

Ein Blick vom Balkon schafft dann schnell Klarheit, dass ich meine Wohnung auch ohne Warn-SMS freiwillig nicht mehr verlassen hätte. Als ich selbige Nachricht in den nächsten Tagen übrigens noch zwei Mal erhalte, dämmert es mir langsam, dass nicht etwa meine Vermieterin hinter dieser Benachrichtigung steckt, sondern vermutlich der polnische Wetterdienst, der offenbar automatisiert vor Unwettern und Gefahren warnt. Glücklicherweise bietet das TV-Programm auch an den weiteren Unwetterabenden beste Unterhaltung und auch der Kühlschrank ist mit „Harnaś“ und „Žatecký“ stets gut gefüllt. Also berichte ich mit exakt einem Jahr Verzögerung aus Klosterfelde und komme in den Genuss des EM-Qualifikationsspiels Polska – ישראל, anstatt unbedarft in Orkanböen, Blitz und Donner zu geraten. Sehr aufmerksam, liebe polnische Wetterfrösche – Dziękuję! Nur vor den bösen Bulgaren hättet ihr mich noch warnen können. Kann ja keiner ahnen, dass ausgerechnet am 90. Geburtstag von Harald Juhnke das „Barfuß oder Lackschuh”-Spiel meines Wettscheins in die Hose geht. 9 von 10 Tipps stimmen bereits, ehe Bella България in der letzten Viertelstunde noch zwei Gegentreffer schluckt. Macht ipso facto 0 von 156 möglichen €uro. Kosovo is … zumindest Schuld daran, dass ich am 10.06.2019 leer ausgehe und dieser Urlaub in der Jahresbilanz nicht auf der Positivseite der Flipchart auftauchen wird.

Am Spieltag selbst werde ich wieder einmal in aller Frühe vom Familienhund geweckt, der laut bellend durch Untergeschoss und Garten tobt. Vielleicht wittert das Biest Deutsche und schlägt dann an, was man dem Tier bei der Stadtgeschichte und der einstigen Gestapo-Nachbarschaft nicht einmal verübeln könnte. Heute kommt mir das frühe Aufstehen aber ohnehin zupass. Das Wetter präsentiert sich nämlich von seiner besten Seite und um 7.30 Uhr zeigt das Thermometer bereits stolze 26°C an. Auf einem Sonnenseitenbalkon mit Meerblick werde sogar ich zum Frühstücksfan und schnell ist der Plan für den Verlauf des Tages (bis zum Stadionbesuch) bei einem frischen Instant Kaffee geschmiedet: Ab an den Strand!

Hier gibt es ab 11.00 Uhr bei 33° und Sonne satt wieder einmal sportliche Polen und kunstvolle Ergebnisse plastischer Chirurgie in aufreizenden Bademoden zu bestaunen. Bei den Herren Kanisterköpfen trendet dahingegen ein Tattoo-Motiv, welches mir dann und wann ein Schmunzeln entlockt. Während einer Ration „Tyskie” wird selbiges gleich an drei verschiedenen Körpern zur Schau gestellt und je nach Qualität des Künstlers kann es schon einmal vorkommen, dass „das Baby, das den Daumen des Vaters umschließt” zu einem Kunstwerk wird, das Missverständnisse hervorrufen kann. Manchmal sagen Bilder ja mehr als tausend Worte und wirft man nur einen kurzen Blick ins Internet, so fällt auf, dass offenbar auch schon andere Menschen an anderen Orten ähnliche Beobachtungen getätigt haben. Członek rodziny, sag ich mal.

Das „Kandelabry” ist unterdessen zu meinem Lieblingslokal avanciert. Heute lasse ich mir „Koftas” mit Ayvar für 19 Zł schmecken, ehe ich mit dem Zug zum „Stadion Miejski w Gdyni” aufbreche. Hier angekommen, schicken mich die freundlichen Volunteers auf die mir bislang unbekannte Hintertorseite und dieses Mal habe ich auch nur 30 Minuten bis zum Anpfiff zu überbrücken.

Im Halbfinale werden sich hier gleich die U20 Nationalmannschaften Italiens und der Ukraine duellieren, die bislang recht geschmeidig durch den Turnierverlauf gekommen sind. Prominenz gibt es meiner bescheidenen Expertise nach heute weder auf den Trainerbänken noch auf dem Rasen hervorzuheben, dafür bezieht das Spiel seinen Reiz daraus, dass die Sympathien des Publikums klar verteilt sind. Nicht wenige ukrainische Schlachtenbummler haben sich heute in Gdynia eingefunden und so hallt bereits vor Anpfiff ein unterstützendes „Ukraina, Ukraina, Ukraina” durch das weite Rund, das ja auch farblich zur Nationalflagge des vermeintlichen Underdorgs passt. In diesen Schlachtruf stimmen auch die polnischen Zuschauer mit ein – nachdem die Italiener die polnischen Gastgeber im Achtelfinale aus dem Turnier geworfen haben, hat es sich die „Squadra Azzurra” mit dem einheimischen Publikum offensichtlich verscherzt. Für Fußballatmosphäre (light) dürfte also wenigstens gesorgt sein.

Bei strahlendem Sonnenschein und noch immer stolzen 28°C pfeift Schiedsrichter Claus aus Brasilien die „mit Spannung erwartete Partie“ pünktlich um 17.30 Uhr an. Meine nagelneue „Invicta“-Jacke, die ich mir nach der Fröstelei des Viertelfinales im Verlauf der letzten Tage für gerade einmal 107 Zł im „TK Maxx” des örtlichen Shoppingcenters „Riviera” geschossen habe, werde ich heute wohl nicht brauchen. Mit dem italienischen Fabrikat in wunderbarem Grünton mit rot-weißen Applikationen hätte ich inmitten des ukrainischen Fanlagers ohnehin keine Freunde gefunden und so drücke ich heute eher still und heimlich die Daumen für die „Squadra Azzurra”.

Keine 30 Sekunden sind gespielt und schon scheppert der erste Ukrainer in italienisches Gebein hinein. Gelbe Karte für Stoßstürmer Danylo Sikan, der direkt nach Anpfiff mal einen umgewemst hat – auch eine Art Statement. Danach entwickelt sich ein wirklich lauer Sommerkick, den ich mit einer inneren Anspannung verfolge, die in etwa der entspricht, die ich auch einem Kreisligaspiel im Oberhavelland entgegengebracht hätte. Das Stadion scheint am heutigen Dienstag deutlich leerer zu sein als am vergangenen Samstag und so entscheide ich mich bereits frühzeitig für den ersten Wechsel (10. Min.) und tausche Hintertortribüne gegen Haupttribüne. Nach 20 Minuten hat sich das Stadion dann doch deutlich gefüllt – da hat wohl der eine oder andere a) noch etwas länger am Strand gelegen oder b) im Büro sitzen müssen. Verpasst haben die Zuspätgekommenen bis dato jedenfalls rein gar nichts, was das FIFA-Highlight-Video, welches erst in Spielminute 22 mit einem zaghaften Kopfballversuch von Sportfreund Sikan beginnt, stumm bezeugen kann. Nach einer halben Stunde gepflegter Langeweile begebe ich mich in Erinnerung an das Viertelfinal-Fiasko bereits in Richtung der Versorgungsstände und staune nicht schlecht, dass die Warteschlangen vor der einzigen Bier- und der einzigen Imbissbude in etwa die selben unerträglichen Längen aufweisen wie das Spiel. Zu allem Überfluss geht es auch noch mit dem gleichen Tempo voran wie auf dem Feld. Zähe 15 Minuten später bin ich endlich am Tresen angekommen. Dort arbeiten zwei junge Männer, die in einer unfassbaren Langsamkeit Bestellungen aufnehmen, Geld kassieren und Bier zapfen, welches sein Übriges tut und auch nicht schneller läuft als Dennis Daube. Im Hintergrund stehen derweil vier aufgetakelte Polenpüppchen, die Löcher in die Luft starren und immer nur dann die künstlichen Fingernägel krumm machen, wenn sie in ihrer Muttersprache explizit zum Arbeiten aufgefordert werden. Puh. Was für ein erdrückender Hauch Sozialismus. Ich konstatiere: So ein kleiner „Time-is-Money-Kapitalist” scheint dann irgendwie doch in mir zu stecken.

Immerhin reicht die Zeit jedoch gerade noch so aus, um mich zusätzlich mit einer meterlangen Stadionwurst einzudecken, ohne etwas vom Spiel zu verpassen. Rechtzeitig zum Wiederanpfiff des Halbfinales habe ich eine neue Sitzschale auf der Haupttribüne eingenommen. Das bereits erwähnte FIFA-Video verschafft im Nachhinein Klarheit, dass ich auch während der 30-minütigen Wartezeit auf (Flüssig-)Nahrung keine sportlichen Höhepunkte verpasst habe. Einen harmlosen Freistoß von Buletsa hat man beinahe mitleidig in die Zusammenfassung geschnitten, doch mehr konnte auch der geschulte Medienprofi dieser Partie beim besten Willen nicht entnehmen.

Die Hoffnung auf Besserung keimt nach genau 52 Minuten auf: Die erste Kombination, der erste schnelle Angriff, das erste Mal Fußball! Italias Kapitän und Sturmhoffnung Andrea Pinamonti wird mit einem Traumpass aus dem Mittelfeld mustergültig freigespielt, gewinnt einen Zweikampf kurz vor dem Sechzehner und kommt dann frei vor Lunin zum Abschluss, agiert aber zu unpräzise. Dennoch kehrt nun etwas mehr Leben in die Partie ein, wobei die Italiener nun auch noch ihren letzten Kredit beim Publikum verspielen, indem sie einen verletzt auf dem Rasen liegenden Ukrainer ignorieren und einen ihrer wenigen Angriffe unfair zu Ende spielen, welchen Pinamonti aber abermals nicht mit einem Tor krönen kann (63. Min.).

So ist es auch nicht verwunderlich, dass die Zuschauer komplett aus dem Sattel gehen, als die Ukrainer ihrerseits mit ihrem allersten Angriff einen sehenswerten Treffer erzielen können. Konoplya spielt vom rechten Flügel einen Flachpass in den Rücken der italienischen Abwehr, der Laufweg von Buletsa stimmt und auch die One-Touch-Abnahme vom Elfmeterpukt mit der rechten Innenseite sitzt perfekt. Nach 65 Minuten geht der Außenseiter also in Führung, welche dieser nur sieben Minuten später hätte ausbauen müssen. Ein simpler Chipball aus der eigenen Hälfte hebelt die komplette Defensive der Italiener aus, doch der eingewechselte Supryaga offenbart bei der Ballannahme technisches Unvermögen und bringt sich für die bevorstehende 1:1 Situation gegen Keeper Plizzari in eine unnötig schlechte Ausgangsposition, aus welcher heraus er den Ball letztlich kläglich am langen Pfosten vorbeischiebt.

Die Italiener enttäuschen weiterhin auf ganzer Linie. Noch immer hat sich kein Akteur nachhaltig in die Notizzettel Fettis spielen können und es ist zu befürchten, dass aus dieser Elf niemand groß herauskommen wird. Schade um den Satz: „Den habe ich damals schon in Gdynia spielen sehen, als den noch überhaupt niemand kannte!”. Werde ich wohl leider niemals anwenden können.

Nach 79 Minuten ist es Schiedsrichter Claus, der dem Spiel neues Leben einhaucht. Einen eher harmlosen Kopfballzweikampf im Mittelfeld nimmt der Referee zum Anlass, den ukrainischen Innenverteidiger Popov mit gelb-rot zum Duschen zu schicken. 11 Minuten verbleiben den Italienern also noch, die nun etwas weniger massive ukrainische Defensive ins Wanken zu bringen und endlich selbst offensive Impulse setzen zu können. Doch auch der eingewechselte Hoffenheimer Alberico schafft es nicht, dem Spiel seinen Stempel aufzudrücken und so ist den Ukrainern das nächste Highlight vorbehalten. Nach 82 Minuten traut sich Kashchuk an der rechten Strafraumkante ein Dribbling zu, wackelt einen Italiener aus, zieht nach innen und schließt unnachahmlich mit dem linken Fuß ab. Sein eleganter Schlenzer endet jedoch am Lattenkreuz und lässt die Italiener am Leben, die nun ihrerseits e n d l i c h aufwachen und auf den Ausgleich drängen. Ab der 90. Minute überschlagen sich dann die Ereignisse. Ein Geistesblitz von Scamacca, der den Ball über die Abwehrkette der Ukrainer löffelt, führt zur ersten klaren Torchance der „Squadra Azzurra” seit knapp einer halben Stunde, doch der eingewechselte Capone jagt die Kugel aus fünf Metern über den Kasten. Wenige Augenblicke später segelt die nächste Flanke in den Strafraum der Ukrainer, die Schwierigkeiten haben, den Ball sauber zu klären. Kyrylo Dryshlyuk wird von einem Teamkameraden angeschossen, das Spielgerät segelt im hohen Bogen durch den Strafraum und Scamacca haut sich mit seinem ganzen Körper dazwischen und nagelt den Ball in der Nachspielzeit sehenswert aus der Drehung ins Netz. Die Freude über den Ausgleich währt jedoch nicht all zu lange, da sich der „VAR” einschaltet und das Tor nun einer Prüfung unterzogen wird. Alle Akteure sacken auf dem Rasen zusammen und warten kauernd auf die Entscheidung, die sich schier endlos in die Länge zieht. Am Ende erstickt Referee Claus die Freude der Italiener im Keim, erkennt das Tor wegen eines vermeintlichen Foulspiels ab und beendet die Partie.

Auf dem Rasen zeigen die wild diskutierenden und gestikulierenden Italiener nun endlich die Leidenschaft, die man in ihrem Spiel so schmerzlich vermisst hatte. Die Ukraine feiert den sensationellen Einzug in das Finale der U20-WM und ich bin etwas erleichtert, dass dieser Kick mit erschreckend wenig Elan nicht in die Verlängerung gegangen ist.

Dieses Mal bin ich bestens vorbereitet und nun schnell genug zu Fuß unterwegs, um den im Vorfeld recherchierten Zug um 19.28 Uhr zu erwischen. So spare ich mir den lästigen Umweg über den Bahnhof Redłowo und/oder die einstündige Wartezeit auf den nächsten Zug (→ ungünstige Zugtaktung), der direkt am Stadion abfahren wird. Aus Fehlern wird man klug und aller guten Gdingen sind eben immer zwei!

Am Mittwochmorgen erwache ich schon vor dem Familienhund und kann mich gerade eben so zurückhalten, diesen nicht aus seinem Schlaf zu bellen. Ich habe Gott sei Dank wichtigeres zu tun und mich für eine frühe Abfahrt entschieden, um den Urlaub mit zumindest 1,5 Tagen Gdańsk ausklingen lassen zu können. Die polnische Bahn (PKP) ist im „Ballungsraum Dreistadt“ (Trójmiasto) im Zehn-Minuten-Takt zwischen Gdynia, Zopot und Gdańsk unterwegs. Für 6,50 Zł ist man mit Umstieg in Wrzczescz (immer wieder schön!) in 30 Minuten am Hauptbahnhof von Gdańsk angekommen und muss sich nun gedanklich mit einem bevorstehenden Downgrade auseinandersetzen. Von der Skyline zum Bordstein, aus der Villa ins Hostel!

Das „Happy 7 Hostel” hält für mich ein modernes Einzelzimmer bereit und ist aufgrund seiner Lage und der touristischen Attraktivität der Stadt 5 € teurer als die Villa in Gdynia. Von wegen Downgrade, hier muss man also richtig Geld in die Hand nehmen. Für utopische 29 € die Nacht gibt es allerdings nichts zu meckern. Das gemütliche Hostel befindet sich malerisch am Flüsschen Motława gelegen und ist somit nur einen Steinwurf von der historischen „Rechtstadt” (Główne Miasto) mit all ihren Sehenswürdigkeiten entfernt, womit bereits das erste Kuriosum benannt wäre. Die „Altstadt” (Stare Miasto) ist historisch nämlich weitaus weniger relevant und bietet dem Touristen von Welt, der für eine kurze Stippvisite vorbeikommt, nur wenig Attraktives. Einen Anfängerfehler begeht also derjenige, der sich „im Herzen der Altstadt” einquartiert und meint, er wäre mittendrin statt nur dabei.

In den kommenden Stunden werde ich das komplette Kontrastprogramm zu Gdynia erleben, wo ich vier Tage lang kaum einen Touristen gesehen und den Aufenthalt in einer Stadt genossen habe, die nur wenig vorzuzeigen hatte. Nun bin ich also angekommen im wunderschönen Gdańsk mit all seinen Prachtbauten und spannenden Geschichten. All die Kirchen, Stadttore, Brunnen und historischen Gassen der „Rechtstadt” wären durchaus einen eigenen Bericht wert und auch auf die „Solidarność”-Bewegung unter der Führung von Lech Wałęsa könnte man 30 Jahre nach dem Fall des eisernen Vorhangs etwas näher eingehen. Aber all das hebe ich mir besser für meinen ersten Besuch des „Stadion Miejski” und den dazugehörigen Bericht zum Lechia-Heimspiel auf…

… und weise heute eher auf die Kehrseite der Medaille hin. Die ganze Schönheit Gdańsks wird nämlich in nicht ganz unerheblichen Maße abgewertet. Unzählige Reisegruppen werden von Stadtführern mit Regenschirmen begleitet, die schmalen Gassen sind unangenehm überlaufen, polnische Schülergruppen erhalten Geschichtsunterricht, Asiaten fotografieren jeden einzelnen gottverdammten Pflasterstein und stehen im Weg herum, aufgetakelte Britcats stellen ihre ultraknappen Silvesterkleider zur Schau (die sie auch hier nicht tragen können, auch wenn wenigstens das Wetter angemessen ist) und überall wird für das hippe junge Publikum überteuertes Craftbeer ausgeschenkt. Zwar genieße ich das Sightseeing als perfekte Ergänzung zum Faulenzerurlaub sehr, bin unter dem Strich aber glücklich, dass ich vier Tage Sozialismus mit Strand und lediglich einen kurzen Guck- und Staunabstecher in die ehemalige Hansestadt gebucht habe. Mit umgekehrter Planung hätte ich mir wohl keinen Gefallen getan, werde ich am Donnerstagabend in Borsigwalde zum Abendbrot berichten können und unter Umständen auch der neuen Kollegin am Freitag, so sie in meiner Abwesenheit noch nicht das Weite gesucht hat.

Das Finale der U20-WM gewinnt die Ukraine vor 16.344 Zuschauern in Łódź mit 3:1 gegen Südkorea. Torschützenkönig des Turniers wird ein gewisser Erling Braut Haaland mit neun Treffern, darunter neun, die er beim 12:0 Erfolg gegen Honduras erzielt hat. Das scheint ein Mann für die wichtigen Tore in den wirklich wichtigen Spielen zu werden. Und auch den habe ich in Gdynia nicht spielen sehen, als ihn noch keiner kannte! /hvg