752 752 FUDUTOURS International 25.11.20 01:07:56

14.11.2015 SV Lichtenberg 47 – Tennis Borussia Berlin 2:0 (0:0) / Hans-Zoschke-Stadion / 673 Zs.

Soeben ist das Länderspiel Frankreich gegen Deutschland zu Ende gegangen. Inmitten des Spiels hat es eine deutlich vernehmbare Detonation gegeben. Mittlerweile ist durchgesickert, dass es sich um einen Terroranschlag gehandelt hat, der ursprünglich nicht in der Nähe, sondern im „Stade de France“ durchgeführt werden sollte. Weitere Anschläge erschüttern derweil Paris und finden ihre Opfer im Theater „Bataclan“ und an vier anderen Orten im 10. und 11. Arrondissement. Ich sitze bis tief in die Nacht vor dem Fernseher und verfolge die aktuellen Nachrichten aus der französischen Hauptstadt. Dabei ärgere ich mich ein wenig darüber, dass es permanent Liveschalten zu Experten gibt, die auch noch nicht mehr wissen, als jeder andere auch. Immer und immer wieder werden Gerüchte verbreitet, von eventuellen neuen Anschlagsorten berichtet und Opferzahlen taxiert, ohne zu vergessen, dabei zu betonen, dass dies alles noch keine gesicherten Informationen seien. Nichts genaues weiß man nicht, aber man kann bekanntlich nie früh genug damit beginnen, Ängste zu schüren. Auch Deutschland könnte irgendwann natürlich einmal potentielles Anschlagsziel sein. Die gewagte Querverbindung von islamistischen Terroranschlägen zum Fußballsport im Allgemeinen führt dazu, dass auch Herr Rauball zu den Geschehnissen der vergangenen Stunden befragt wird. Dieser lässt es sich dann auch nicht nehmen, zu erwähnen, dass im Fußball nie wieder irgendetwas so sein wird, wie es einmal war und ebnet so bereits den Weg für neue überbordende Sicherheitsmaßnahmen, Kontrollen und verschärfte Überwachungsmethoden.

Die nie gestellte Frage, ob ich jemals wieder ein Fußballstadion betreten werde, beantwortet mein Vater am nächsten Morgen, indem er mich fragt, ob ich ihn zu einem Spiel im Berliner Pokal zwischen Lichtenberg 47 und Tennis Borussia Berlin begleiten will. Ja, ich will.

Am Kassenhäuschen bestellt mein Vater für jeweils 5 € ermäßigte Eintrittskarten und nennt doppelt lügend „Rentner“ und „Student“ als Grund. Da nur ich nach einem Nachweis gefragt werde, gehe ich davon aus, dass ich mittlerweile für einen gewöhnlichen Studenten zu alt aussehe, worüber sich mein Vater köstlich amüsiert. Aber nur so lange, bis ich ihn darauf hinweise, dass er offenbar alt genug aussieht, um ihm die Rentnernummer ohne Ausweispapier abzukaufen. Ein norddeutscher Ordner stimmt in unseren Humorkanon mit ein und verkauft uns ein hübsches Stadionheft für einen Euro.

Da die legendäre Imbissbude an der Ecke Normannen-/Ruschestraße, in der schon so manche Turmspringschlacht von FUDU aufmerksam verfolgt wurde, im Vorfeld der Partie leider geschlossen bleibt, ist unser Imbisshunger und Bierdurst bislang nicht gestillt worden. Da der hierfür eingerechnete Zeitfaktor in Form von 45 Minuten so auf die Habenseite gewandert ist, verbleibt nun genügend Zeit, anstatt dessen in das Vereinscasino der 47er einzukehren, wobei angesichts der winterlich kalten Temperaturen auch ein gewisser Bedarf an Wärme nicht zu leugnen ist. Dort überzeugt das von Halil Savran unterschriebene Trikot hinter Glas, eine Ehrenwand ehemaliger Lichtenberger Spieler, die es in den Profibereich geschafft haben, das Publikum und die Preise. Das sensationell schöne „Zoschke“ verfügt also auch über eine wunderbare Gaststätte – ein weiterer Grund, immer mal wieder auf einen Besuch vorbeizukommen!

Als wir das Stadion dann erneut betreten, passieren wir einen kleinen Fanshop der Lichtenberger, der durch sein Sortiment und seine charmante Preisgestaltung überzeugt (Preise enden jeweils auf 47 Cent). Robert Jaspert fachsimpelt mit dem gleichen adrett gekleideten Begleiter wie neulich in Zehlendorf (Nachtigall, ick hör dir trapsen…), wird aber im Verlauf der Partie vom TeBe-Haufen auf der Gegengeraden nicht homophob beleidigt. Schön, dass die sich auch mal zusammenreißen können.

Vor dem Anpfiff gibt es eine Schweigeminute für die Opfer der gestrigen Attentate. Nach dem Anpfiff gibt es im gut gefüllten „Zoschke“ immer mal wieder Anfeuerungen für die Gäste, wobei der Block politisch korrekt mit französischen Nationalflaggen geschmückt ist und der allseits beliebter Charlottenburger Schlachtruf „Lila-Weiße“ von meinem Vater um „Westberliner Scheiße“ ergänzt wird. Ach ja, Erziehung und Sozialisation sind schon unbezahlbare Werte. Knapp 150 Borussen haben sich heute auf den Weg nach Lichtenberg gemacht und ein rot-weißes Flatterband sorgt für die immens wichtige Fantrennung. Der lauteste im Rund ist jedoch mit weitem Abstand Daniel Volbert, Trainer der Charlottenburger, der cholerisch alles und jeden lautstark zusammenscheißt.

Das Spiel zwischen den beiden Oberligisten findet hart umkämpft zwischen den Strafräumen statt. Ich erfreue mich darüber, dass in den Reihen Lichtenbergs mit Reiniger und Mayoungou zwei ehemalige Unioner agieren und auch Tennis Borussia hat in Onur Yesilli einen ehemaligen Schützling der Zweeten in der Startelf, wenn auch noch ohne Namen auf dem Trikot. Ansonsten bietet die Partie nicht viel mehr Gründe zur Freude. TeBe hat mehr Ballbesitz, kann hiermit aber rein gar nichts anfangen. Lichtenberg riegelt den eigenen Strafraum ab, kommt aber seinerseits ebenfalls nur sporadisch mit Ball am Fuß in die Nähe des gegnerischen Strafraums. Bereits nach 20 Minuten richten wir uns so gedanklich auf eine Verlängerung ein und konsumieren den ersten Stadionglühwein des Jahres.

Nachdem wir in der ersten Halbzeit sitzend auf der Haupttribüne gefroren hatten, wechseln wir im zweiten Spielabschnitt auf die Stehtribüne. Dort ist es aufgrund der Bewegungsfreiheit wesentlich wärmer, außerdem stehen wir dem TeBe-Tor näher, in welches wir den Ball gerne einschlagen sehen würden. Aufgewertet wird der Stehplatz durch die gute Nachbarschaft (Rocco Teichmann, Steffen Baumgart) und durch den überragenden Spielverlauf. Für eine Dauer von 10 Minuten lösen beide Mannschaften urplötzlich die Fesseln und kommen jeweils zu Großchancen. Einen Schuss von TeBe kratzen die Lichtenberger von der Linie. TeBe hat hingegen Glück, dass Lichtenbergs Brechler eine 1:1 Situation gegen den Torwart nicht erfolgreich bewältigen kann. Danach ergibt sich wieder das gleiche Bild wie in der ersten Halbzeit, doch in der 93. Minute schlägt die große Stunde der Heimmannschaft: Brechler kann einen an die Latte geköpften Ball im Nachschuss verwerten, woraufhin alle Lichtenberger Ersatzspieler und Betreuer auf den Platz stürmen und eine überdimensional große Jubeltraube bilden. Auch der Fotograf kennt kein Halten mehr, klettert von den Traversen auf den Rasen und muss alles aus nächster Nähe dokumentieren. In der letzten Minute der Nachspielzeit gelingt Daniel Wahl (96. Minute) durch einen Konter und einen strammen Schuss ins linke Eck gar das 2:0, womit Lichtenberg verdient in das Achtelfinale des Paul-Rusch-Pokals einzieht.

Die Jubelorgie verstummt nach wenigen Sekunden. Es ist kalt und die Menschen verlassen das Stadion trotz der emotionalen Schlussphase in Scharen. Da die Polizei die verordnete Fantrennung nach wie vor sehr Ernst meint, dürfen wir den Ausgang Normannenstraße nicht offiziell nutzen, sondern müssen wir uns unter dem Flatterband hindurch bücken, als gerade niemand hinschaut, um dann doch gemeinsam mit den TeBe-Fans aus dem Stadion zu entweichen. Wirklich nichts ist mehr so, wie es früher einmal war. Und sicher ist bekanntlich sicher. /hvg

06.09.2015 BSV Hürtürkel 1980 – SC Borsigwalde 1910 1:2 (1:0) / Sportanlage Hertzberplatz / 40 Zs.

Berlin-Pokal, 1. Runde. Mein Heimatverein darf als frischgebackener Bezirksligist beim BSV Hürtürkel vorstellig werden. Der BSV startet in dieser Saison bereits in seine dritte Oberligasaison in Folge und spielt somit um genau vier Klassen höher als die gerade eben aufgestiegenen Borsigwalder. Das Spiel findet auf dem „Hertzbergplatz“ statt, welcher auch in dieser Saison Heimspielstätte des BSV Hürtürkel ist, aber von FUDU bislang nicht gekreuzt wurde. Auf der Hopping-Mission, die NOFV Oberliga Nord irgendwann einmal zu komplettieren, gelingt es so neben meinem Vater auch den „Hoollegen“ für diesen Tagesausflug zu akquirieren.

Der Sportplatz befindet sich in der Sonnenallee und ist somit lediglich vier S-Bahn-Stationen von meinem zu Hause entfernt. Trotzdem kann man es als Prokrastinationsweltmeister natürlich locker schaffen, diese Teufelsetappe auf die lange Bank zu schieben und nicht anzugehen. Nun zeigt sich im Gewirr des Berliner Nahverkehrs recht schnell, dass man diese Reise keineswegs auf die leichte Schulter nehmen darf. Etwas unbedarft in die falsche S-Bahn eingestiegen und schon ist man versehentlich im Plänterwald angekommen. Kann schon man passieren, wenn man sonst so selten in Richtung Westen fährt. Aber geschenkt…

Mein Vater muss so leider etwas länger als geplant an der Sonnenallee ausharren, bis die beiden FUDU-Trottel den Weg endlich gefunden haben. Zu Fuß sind die 750 Meter zum Sportplatz aber schnell genug zurückgelegt, um rechtzeitig vor dem Anpfiff seine Plätze einzunehmen und einen ersten Rundumblick in die bisher unbekannte Oberliga-Spielstätte zu werfen: Man nehme einen Naturrasenplatz, baue an eine der beiden Längsseiten fünf Stufen – fertig ist in Berlin das, was sich Oberliga-Stadion nennt. Sicherlich ganz witzig, wenn hier auf der 2500 Zuschauer fassenden Anlage Tennis Borussia oder Hansa Rostock II gastiert, doch heute kommt nicht mehr auf als Sportplatzflair.

Am Ende des Spiels werden sich etwa 40 Menschen auf der Anlage befinden, wobei die Nummerierung unserer Eintrittskarten (001 bis 003), die wir gut 5 Minuten vor Anpfiff erworben haben, darauf hindeutet, dass heute womöglich nicht all zu viele Menschen, die es mit dem Gastgeber halten, Eintritt bezahlen müssen. Dennoch ist die Karte ihre 3,00 € locker wert, befindet sich sogar ein Logo des Gastvereins auf ihr.

Die Imbisshütte auf dem „Hertzbergplatz“ ist ganz offensichtlich verpachtet und hat mit dem gastgebenden Verein so rein gar nichts zu tun. Das Angebot reicht von Bier bis zu Variationen vom Schwein und ist somit nicht ganz genau auf die türkischstämmige Zielgruppe zugeschnitten, aber immerhin werden gleich drei von 40 Zuschauern auf ihre Kosten kommen. Damit das Neuköllner Original hinter dem Tresen wenigstens nicht gänzlich leer ausgeht, machen wenigstens wir ihr unsere Aufwartung und bestellen Kindl und zweierlei Wurst (eine Bocki, zwei Bratwurst).

Die Frau hinter dem Tresen ist überrascht, dass die Ordner im Hintergrund eine im Ligaalltag übliche Absperrung vornehmen, was sie dazu veranlasst, das Glasflaschenbier in Plastikbecher umzufüllen, so wie sie es dank NOFV-Auflagen in der Oberliga auch tun muss. Also doch großer Fußball! Der Hoollege beschwert sich alsbald, dass es ein ungeschriebenes Gesetz sei, dass zu einer Wurst immer eine dreieckige Scheibe Toast gereicht werden müsse und prangert die brotlose Kunst der Cateringdame an.

Dann kann das Spiel beginnen, von dem sich nur der Vater des Autors und ausgewiesener Borsigwaldekenner Spannung erhofft. Der Rest der Reisegruppe geht von einem deutlichen Sieg des Oberligisten aus und ist gleichzeitig froh darüber, dass nach und nach Sonnenstrahlen den morgendlichen Dauerregen ablösen.

Schnell wird klar, dass der BSV hier und heute kein leichtes Spiel haben wird. Die Borsigwalder sind gut organisiert und schließen dank einer sehr hohen Laufbereitschaft jede sich öffnende Lücke und ersticken den Spielaufbau des uninspirierten Oberligisten im Keim. Nur wenige Chancen werden zugelassen, die wiederum bravourös vom Schlussmann vereitelt werden können. Gleichzeitig nimmt der SCB aber auch am Spiel teil und lässt den Ball teilweise gefällig laufen und erspielt sich seinerseits ebenfalls Abschlussgelegenheiten. Durch einen direkten Freistoß von Kucak in die Torwartecke (36. Minute) kann der Favorit etwas schmeichelhaft in Führung gehen und alles scheint nun seinen gewohnten Lauf zu nehmen. Erst jetzt geben sich die Spieler des BSV lautstark Kommandos, zuvor war es in Reihen des BSV erschreckend ruhig geblieben. Vielleicht hatten sich die Spieler als Reaktion auf die schwachen sportlichen Auftritte der jüngeren Vergangenheit (Drei Niederlagen in den ersten drei Saisonspielen gegen Wismar, Fürstenwalde und den BSC Süd) aber auch erst einmal zur Ruhe ermahnt…

In der zweiten Halbzeit nehmen es die Favoriten dann etwas zu locker mit den Freizeitfußballern aus Borsigwalde, die immer besser ins Spiel kommen. Überraschend ist, dass konditionell offenbar dermaßen viele Körner vorhanden sind, dass zu keiner Sekunde des Spiels ein deutlicher Abfall der Laufbereitschaft zu konstatieren ist. Sensationell.

Die erste Chance, die sich dann eher zufällig auftut, nutzt der SCB in Person von Pierre Henkel mit etwas Glück, aber viel Geschick, zum 1:1 in der 50. Minute. Der Siegtreffer fällt 25 Minuten später durch Milewski. Und während die Führung Hürtürkels einem Torwartfehler geschuldet war und der Schütze des Ausgleichstores etwas mit dem Glück im Bunde war, ist dann der dritte Treffer wahrlich ein blitzsauber heraus gespieltes Tor mit einem wunderbaren Linksschuss an den Innenpfosten als krönender Abschluss.

Die restliche Viertelstunde bekommt der SCB gut verteidigend über die Zeit, wechselt die beiden einzig verfügbaren Auswechselspieler ein und zieht auch mit dieser dünnen Personaldecke letztlich verdient in die nächste Runde ein. Auf den BSV Hürtürkel werden in der Oberliga wohl schwere Zeiten zukommen. „Riesenjubel bei allen Borsigwaldern und den drei Fans, die den weiten Weg zur Sonnenallee gefunden hatten“, schreibt die offizielle Website des SCB tags darauf und auch auf der Titelseite der „Fußball-Woche“ vom Montag werden die Feierabendfußballer aus Borsigwalde gebührend gefeiert. /hvg

30.05.2015 Hellas Verona FC – Juventus FC 2:2 (0:1) / Stadio Marcantonio Bentegodi / 23.149 Zs.

Saisonende in Deutschland. Mit der spielfreien Leidenszeit vor der Brust entscheidet sich FUDU et la Famiglia für einen Ausflug nach Italien und das, obwohl dort bereits alle Messen gelesen sind. Juventus ist rechnerisch nicht mehr von der Tabellenspitze zu verdrängen und wird den Scudetto zum vierten Mal in Folge erhalten und Hellas hat sich im sicheren Mittelfeld der Tabelle eingependelt. Neben der sportlichen Unbedeutsamkeit bewegen sich die Flugzeiten im sportlichen, die Flugkosten (→ Lufthansa) im nicht durch Sportwetten gedeckten Bereich. Was soll’s. 26 Grad° und Sonne, Fußball und ein weiteres Stadion der Italia 90 sind bekanntermaßen immer jeden Taler wert.

Obendrein stellt sich Verona nach einer ausgiebigen Sightseeing-Runde als eine überaus schöne Stadt dar, die absolut eine Reise Wert ist. Malerische Straßen, Flaniermeilen entlang der Etsch, die Ponte Pietra, ein großes Amphittheater inmitten des Stadtzentrums, imposante Stadttore, das Castelvecchio mit der angrenzenden Ponte Scaligero und natürlich die Schauplätze von Shakespeares „Romeo et Giulietta“ lassen sich als touristische Hotspots benennen. Fetti grüßt dann ab sofort von der Wand des Innenhofes des Hauses der Julia, an dem normalerweise verliebte Paare kitschige Liebes(ge-)schwüre hinterlassen.

Hellas Verona feiert derweil den Gewinn des Scudetto von 1984/85. Alkoholiker und Rechenfüchse haben blitzschnell erkannt, dass es an der Zeit für ein Jubiläumspilsner ist. Die schlauen Marketingstrategen Hellas‘ geben anlässlich dieses Umstandes wirklich schicke Retrotrikots heraus, die mich beinahe zu einem Kauf animieren. Wesentlicher Bestandteil der Meistermannschaft 85 war neben Preben Elskjær Larsen übrigens ein gewisser Hans-Peter Briegel, der Hellas noch heute eine „Fan“-Freundschaft mit dem 1.FC Kaiserslautern beschert. Am Stadion Marcantonio Bentegodi angekommen ist jedoch schnell klar, dass es sich eher um eine Freundschaft zu einer zumindest hooligannahen Gruppe namens „Brigade Barbarossa“ handelt. Selten so viele ekelhafte Kanten auf einem Haufen gesehen – und auch Hellas bietet mit das Beste auf, was der rechte Rand in Venetien so zu bieten hat. Fette, muskulöse, tätowierte, glatzköpfige Stiernacken und eine gut bestückte Casual-Fraktion schleichen bereits frühzeitig um das Stadion herum, sodass es einem schon ein wenig mulmig werden kann. Und immer, wenn man denkt, schlimmer wird’s nicht mehr, laufen dir noch scheinbare Normalos über den Weg, die dann aber blau-gelbe Shirts mit Reichsadler, Hellas-Logo und dem schmissigen Slogan „Gott mit uns“ darauf am Leib tragen und hiermit ungehindert durch die Straßen flanieren können. Vermutlich hatte die Wehrmacht einige gute Kicker in ihren Reihen, anders kann ich mir die Wahl dieses Mottos nicht erklären – Politik und Fußball haben ja bekanntermaßen nichts miteinander zu tun…

Angesichts der bedrohlichen Figuren kann ich meinen Bruder überreden, seine Juve-Mütze abzusetzen, die er dann, angekommen auf der scheinbar sicheren Haupttribüne auf Höhe der Mittellinie des monumentalen Stadions, welches der Schönheit der Stadt in Nichts nachsteht, wieder aufsetzt. Bei einem leckeren Paulaner aus der Dose für 4,00 Euro wird schnell klar, dass wir mit unseren 40,00 Euro teuren Tickets richtig Pech haben und aus Versehen inmitten eines Hellas-Stimmungsblocks gelandet sind. Keine fünf Minuten später haben uns auch schon erste Einheimische fixiert, die spürbar unsere Nähe suchen und uns argwöhnisch beäugen. Nur wenige Minuten später kommt ein älterer Mann auf uns zu und gibt uns auch ohne fundierte Italienischkenntnisse unsererseits zu verstehen, dass wir den Block zu verlassen haben. Dieser nachdrücklich vorgetragenen „Bitte“ kommen wir nach und finden mit nicht all zu viel Aufwand nicht viel schlechtere Plätze in der Kurve, von denen wir dann das Spiel ungestört – und nun auch endgültig gänzlich in zivil gekleidet – verfolgen können. Puh, aufregend.

Dafür, dass es in dem Spiel um nichts mehr geht, ist die Stimmung sehr gereizt und angespannt. Hellas gibt auf den Rängen Vollgas und kann in einigen Momenten mehr als nur überzeugen. In anderen Momenten geht es auf der Negativskala wieder ganz weit nach vorne, als es gegen Pogba deutlich vernehmbare Affenlaute aus dem ganzen Rund zu hören gibt. Juve hält mit gerade einmal 300-400 Mann dagegen. Auf dem Rasen zerreißen sich die blau-gelben Akteure, dem übermächtigen Gegner ein Bein zu stellen. Die abgebrühten Triple-Anwärter gehen aber durch Pereyra und Llorente zwei Mal in Führung. Im direkten Duell um die Torjägerkanone duellieren sich Toni, der das zwischenzeitliche 1:1 und somit seinen 22. Saisontreffer erzielen kann und Carlos Tévez – ein Zweikampf, der seinen Höhepunkt erreicht, als Tévez einen Elfmeter verschießt (88. Minute) und das Stadion im Anschluss ausrastet, als sei man gerade Meister geworden. Dieser scheinbare Stimmungssiedepunkt wird dann aber noch getoppt, als Gómez in der Nachspielzeit das 2:2 erzielt und man sich Sorgen machen muss, dass das an der einen oder anderen Stelle doch arg baufällige Stadion (Holzbänke im Unterrang, verrostetes Dach…) einstürzen könnte. Wie sehr hier alles unter Strom steht, zeigt sich noch einmal in der Nachspielzeit des 38. und letzten Spieltages, als sich Juve-Akteur Pepe sinnloserweise noch eine rote Karte wegen groben Foulspiels einhandelt und die Hellas-Tifosi noch weiter aus dem Sattel gehen und frenetischer Jubel einsetzt. Sensationelle Atmosphäre für ein solch belangloses Spiel!

Unter dem Strich bin ich nach dem Abpfiff angesichts der Begleitumstände dennoch froh, mir nicht vorschnell ein Trikot gekauft zu haben. Denn Fetti hebt den rechten Schweinefuße nur sehr ungern hoch zum deutschen Gruße!

Neben uns versucht sich derweil ein Prototyp mehrerer Generationen Pfälzer Inzucht im Hellas-Shop in ein XL-Hemd zu quetschen und kann es im Schweiße seines Angesichts kaum fassen, nicht in das Trikot hinein zu passen, doch freundlicherweise weist der Verkäufer ihn irgendwann darauf hin, dass es sich um ein hoffnungsloses Unterfangen und bei dem von ihm gewählten Nicki um eine Kindergröße handelt.

So darf man am Ende des Ausflugs also getrost festhalten: Wunderbares Stadion, wunderschöne Stadt – aber beim Fußball sollte hier offenbar gelten: FORZA CHIEVO! /hvg